A. d. F., Rom, im September

Seit Gaetano Martino Ende Mai im PalazzoChigi von dem christlichen Demokraten Giuseppe Pella abgelöst wurde, ist die italienische Außenpolitik sehr viel unklarer geworden. Das kommt schon in dem in letzter Zeit viel – und besonders von Pella – verwendeten Begriff "Neo-Atlantismus" zum Ausdruck, der viel weniger auf eine Reform der europäisch-atlantischen Bündnisverpflichtungen Italiens – hindeutet, als vielmehr eine Abkehr von diesen Bindungen postuliert.

Mehrmals hat Pella hoch und heilig versichert, an der italienischen Außenpolitik habe sich nichts Wesentliches geändert. Was innerhalb und außerhalb Italiens jedoch Verdacht erregt hat, sind die Andeutungen, die vor, während und nach der Septemberreise des italienischen Staatspräsidenten Gronchi nach dem Iran in Rom zu hören waren. Kabinettsmitglieder – vor allem der Gronchi nahestehende Minister ohne Portefeuille, Rinaldo del Bo – sowie Persönlichkeiten, die in der Democrazia Cristiana eine Rolle spielen, haben den Eindruck verstärkt, Italien wolle sich in die Entwicklung in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten einschalten, ohne, wie früher, auf die Interessen anderer westlicher Länder zu achten. Diese verschwommenen Andeutungen sind von kommunistischer und sozialistischer Seite als eine vorerst zwar noch zögernde Lockerung der NATO-Bindungen Italiens mit Beifall bedacht worden.

Das Ergebnis von Gronchis Staatsbesuch in Persien hat diese Schatten nicht ganz verscheucht. Das in Teheran veröffentlichte Kommuniqué besagt zwar, daß beide Regierungen die Treue zu den Verteidigungssystemen, denen sie angehören (für Italien die NATO, für den Iran der Bagdad-Pakt) als einen Hauptfaktor ihrer Politik ansehen; das Kommuniqué drückt außerdem den Wunsch aus, die Westmächte sollten gegenüber den Staaten des Mittleren Ostens eine gemeinsame, vom Geist der aufrichtigen Zusammenarbeit und der gegenseitigen Achtung erfüllte Politik befolgen. Anmaßend indes wirkte die Art, wie man in führenden italienischen Kreisen das während Gronchis Aufenthalt in Teheran unterzeichnete Abkommen zwischen dem italienischen staatlichen Erdölkonzern ENI und der ebenfalls staatlichen iranischen Gesellschaft NIOC kommentierte.

Es wurde ein italienisch-iranisches Gemeinschaftsunternehmen gegründet, das eine bedeutende Bohrkonzession im Iran erhalten hat. Zum erstenmal ist die bisher überall im internationalen Erdölgeschäft gültige Fifty-Fifty-Klausel durchbrochen und einem Staat im Mittleren Orient der Löwenanteil des Gewinns (nämlich 75 v. H.) der Erdölausbeutung zugesprochen worden. So verständlich die Freude über diesen revolutionären Coup des dynamischen ENI-Präsidenten, Enrico Mattei, ist – welch wirtschaftlicher Gewinn dabei herausspringt, bleibt abzuwarten –, so unrealistisch erscheint, besonders in Anbetracht der augenblicklichen gefährlichen Lage im Mittleren Orient, der in Rom in vielen Variationen geäußerte Gedanke, man solle die Politik des Westens in diesem Gebiet nach dem Beispiel des "italienischen Weges der friedlichen Invasion" ausrichten.

Jene italienischen Politiker, die die bewährte außenpolitische Linie De Gasperis fortgesetzt sehen möchten, fragen sich, ob es in Zukunft gelingen wird, die italienische Außenpolitik von den Expansionsplänen Matteis, dessen Leistung als Wirtschaftsführer unbestritten ist, säuberlich zu trennen. Die Kritiker des neuen außenpolitischen Stils sprechen der italienischen Regierung das Recht zu, Italiens natürliche Interessen im Mittelmeerraum und im Mittleren Osten zu wahren. Jeder Versuch jedoch, Italien zu einer Art Zwischenstation in der Auseinandersetzung des Westens mit der arabischen Welt zu machen, wird heute als eine Aufgabe bezeichnet, die weit über Italiens politische und wirtschaftliche Kraft hinausgeht. Das Land braucht zur Erschließung seiner Südprovinzen selbst dringend ausländische Hilfe und ausländisches Kapital.

Ob die römische Regierung maßhalten kann, wird man wohl erst in den nächsten Monaten klarer sehen. Die Prüfsteine werden vor allem die Stellungnahme Italiens bei der UN-Debatte über Algerien und die im November geplanten Staatsbesuche Gronchis in der Türkei und im Libanon sein.