Liebe zur Sprache trug karge Frucht

Bewundert viel und viel gescholten, gleich Helena im "Faust", den Zeitgenossen ein Dorn im Auge und der Nachwelt eine Unterlassungssünde, von seinen Feinden heimlich bestaunt und von seinen Verehrern angekläfft – so steht das Werk von Karl Kraus, in vier Jahrzehnten geschaffen, im gelichteten Raum des deutschen Schrifttums als erratischer Block, vereinzelt, unverpflichtet seinen Vorgängern, zur Gegenwart von morgen redend, paradox schon in der Gestalt: der Tagesschriftsteller für die Ewigkeit; der Lyriker mit dem pamphletistischen Einschlag; der oftmals ungerechte Kämpfer für die Gerechtigkeit, der so gut Deutsch schrieb, daß man ihn nicht versteht; ein Orakel, das im Dialekt spricht; eine Lokalgröße, der Weltliteratur angehörig; tot seit zwanzig Jahren und lebendiger denn je.

Sein Werk wirkte unterirdisch weiter, da und dort, bis es auferstehen konnte. Seit wenigen Jahren liegen fünf Bande aus einem Schaffen vor, das ein Zehnfaches ausmacht, und nun ist auch eine Auswahl daraus erschienen:

Karl Kraus: "Auswahl aus dem Werk", ed. Heinrich Fischer. Koesel-Verlag, "Bücher der Neunzehn". 392 S., 9,80 DM.

Es war ein glücklicher Einfall des Herausgebers, an ein Bekenntnisgedicht, eine Rechenschaft "Nach zwanzig Jahren" anzuknüpfen und nach dessen Schlagworten die Kapitel anzuordnen: Geschlecht und Lüge; Dummheit, Übelstände; Tonfall und Phrase; Tinte, Technik, Tod; Krieg und Gesellschaft; Kunst und Natur; die Liebe und der Traum; Magie der Sprache...

Das sind die Motive des Lebenswerks und des niemals endenden Kampfes, den Karl Kraus, ein einsamer Streiter mit der Kraft einer Heerschar, geführt hat – geführt gegen die Verbürgerlichung der Moral, den Übermut der Ämter, die Verwahrlosung des Sprachguts im journalistischen und literarischen Betrieb, gegen das heraufziehende Verhängnis, das die Menschheit zweimal in Blut und Phrase erstickt hat.

Zu jedem Leitmotiv sind kapitelweise Aphorismen, Essays, Gedichte und Glossen aufgereiht. Neu wird neuen Lesern die Form der Glosse sein, die Karl Kraus geprägt hat: Eine banale Pressenotiz, ein Lokalbericht, eine Schmonzette aus der guten Gesellschaft, eine Polizeimeldung – der dürrste, scheinbar unergiebigste Rohstoff, einige Zeilen nur, wird zur monumentalen Gegenwartskritik gesteigert. Der Zeitungsausschnitt wird zum Ausschnitt der Zeit, zum Höhepunkt getrieben wie ein Drama in fünf Akten. Es ist eine verlorengegangene Kunst, die da geübt wird, besser gesagt: eine nie gefundene Kunst, die sich in der deutschen Literatur nur bei Lichtenberg andeutet.