Ein ernster, gütiger, bescheidener Mensch und ein echter König, Haakon VII. von Norwegen, ist gestorben. Mit 85 Jahren war er der älteste der-heutigen Monarchen, ein "Doyen" unter den Königen. Im Norden liebt man nicht den steifen Ausdruck "Konstitutioneller Monarch", ein Begriff, in dem das Wort "konstitutionell" klirrt wie Handschellen. Man sagt statt dessen lieber "Volkskönig". Und Haakon VII. war ein König seines Volkes.

Ja, es gab Augenblicke im April 1940, in denen er selbst das Volk war! Er hätte Hitlers Ultimatum annehmen und damit den Krieg verhindern können. Vieles sprach dafür. Nicht zuletzt das Beispiel seines Bruders König Christian X. von Dänemark. Doch als Hitler darauf bestand, Quisling müsse Regierungschef werden, sagte Haakon VII. nein und gab das Signal zum Widerstand. Hätte er damals ja gesagt, so hätte man das als einen Akt politischer Klugheit verstehen und entschuldigen können, aber sein Volk hätte es ihm nicht verziehen. Schlimmer noch, die Spaltung zwischen Patrioten und Quisling-Anhängern, die heute überwunden ist, hätte die Nation bis ins Mark getroffen.

Nicht, weil er seine Krone retten wollte, ging König Haakon außer Landes. König zu sein war nie sein Wunsch gewesen und das Regieren war ihm stets nur Bürde und Pflicht. Die Flucht nach England, so schwer ihm der Entschluß fiel, schien ihm der einzige Weg, Einheit und Ehre der Nation zu retten. So haben es auch die Norweger gesehen. Sie verstanden, daß neben einem Mann wie Quisling, der die Eroberer willkommen geheißen, ja mit ihnen konspiriert hatte, für den König kein Platz war, und daß er im Exil mehr für sein Land tun konnte als im Lande selbst, wo er Geisel der Eroberer gewesen wäre.

Ein Volkskönig! Er haßte den Prunk. Er fuhr mit der Straßenbahn durch Oslo wie die Hansens und Nilsens. Er zog die Marineuniform an, wenn er ins Kino ging, "weil er dann nur halbe Preise zu zahlen brauchte", wie seine Untertanen schmunzelnd sagten. Er erhielt eine Jacht von seinem Volk geschenkt, weil seine Apanage nicht ausreichte, sich eine zu kaufen.

Als vor 52 Jahren die norwegischen "Königsmacher", der damalige Ministerpräsident Michelsen, der Dichter Björnstjerne Björnson und der Polarforscher Fritjof Nansen, dem jungen Prinzen Carl von Dänemark die Königskrone Norwegens anboten, wehrte er ab mit den Worten: "In 20 Jahren wird Björnson vielleicht tot sein, vielleicht auch Michelsen. und Nansen. Dann werden die Norweger fragen: ‚Was will der eigentlich hier?‘ Wer hat zum Kuckuck den Dänen hierhergeholt? – Die Norweger selbst sollten entscheiden, antworteten die drei, in einer Volksabstimmung. Und sie entschieden. Als am 27. November 1905 die Glocken im Dom von Trondheim läuteten, hatte Norwegen nach 600 Jahren wieder einen eigenen König.

Sogar seinen dänischen Akzent, den er zeitlebens nicht los wurde, verziehen ihm die Norweger. Das bedeutet viel in einem Land, das sogar seine Hauptstadt Kristiania in Oslo umtaufte, nur weil der alte Name an den Dänenkönig Christian und die Zeit der dänischen Herrschaft erinnerte. Das beste Mittel, dem Vorwurf der dänischen Abstammung den Stachel zu nehmen, war, darüber zu scherzen. Man erzählt, daß der König einmal zu dem dänischen Hotelbesitzer Jenssen in Oslo sagte: "Sie haben sich als Däne in Norwegen gut hochgearbeitet, Herr Jenssen." Worauf Jenssen erwiderte: "Nun, Majestät haben in Norwegen aber auch keine schlechte Karriere gemacht." Der König gab ihm recht.

Haakon VII. ist Norwegens erster moderner König, obwohl sein Name an die halb legendären streitbaren Haakons der Wikingerzeit und des frühen Mittelalters erinnert. Er hinterläßt ein gutes Andenken, und er hinterläßt einen von allen Norwegern geachteten und geschätzten, nunmehr echt norwegischen König, seinen Sohn Olaf V. Grf.