Paris, im September

Die algerischen Angelegenheiten sind um einen mächtigen Ruck vorangekommen. Das ist aber keineswegs ein Verdienst des neuen Algerien-Statuts, das Ministerpräsident Bourgès-Maunoury zusammen mit allen nichtextremistischen Parteien Frankreichs in Form eines "Rahmengesetzes" (loi-cadre) auszuarbeiten trachtet. Von Anfang an suchte es zu sehr den verschiedenartigsten Wünschen gerecht zu werden. Und da noch täglich an ihm herummanipuliert wird, um die Zustimmung der Kolonialisten wie der Antikolonialisten zu sichern, dürfte es zu guter Letzt zu einem jener völlig unverbindlichen Texte werden, über deren Wert oder Unwert erst die Anwendung (oder auch Nichtanwendung) ein Urteil erlaubt.

Nein, der Ruck hat sich nicht im Bereich der juristischen Festlegungen, sondern im umfassenderen der politischen Mythen abgespielt. Alle Versuche einer vernünftigen Lösung in Nordafrika werden durch eine Reihe solcher Mythen blockiert. Vor zwei Jahren schon ist einer davon zusammengebrochen: daß man nämlich die einheimische Bevölkerung schon darum ihre Geschicke nicht selbst lenken lassen könne, weil jede Lockerung der Kolonialstruktur zu einem Bürgerkrieg zwischen den Arabern und den Berbern führen würde. Nun, Marokko wurde selbständig, und es zeigte sich, daß die mohammedanische Bevölkerung andere Sorgen hatte, als den vom Kolonialregime aus durchsichtigen Gründen wachgehaltenen arabisch-berberischen Gegensatz zu steigern und zur Explosion zu bringen. Die Versuche einiger Feudalherren, die berberischen Nomaden wie in den guten alten Zeiten gegen die arabische Stadtbevölkerung in Marsch zu setzen, sind kläglich gescheitert. Unter dem Einfluß der europäischen Industrialisierung verblaßte die einst höchst gefährliche Spannung zwischen den beiden Volksgruppen unversehens zu einer folkloristischen Erinnerung.

In der vergangenen Woche hat sich über Nacht ein verwandter politischer Mythos in Luft aufgelöst. Die Verfechter des Status quo in Algerien haben Jahre hindurch ein Entgegenkommen gegenüber dem mohammedanischen Bevölkerungsteil mit dem Argument für unmöglich erklärt, daß das automatisch einen blutigen Aufstand der französischen Siedler zur Folge haben werde. Fühlte Algerienminister Lacoste seine Stellung in Gefahr, so konnte er lächelnd zu verstehen geben: Gut, stürzt mich nur – aber dann wird sich das "weiße" Algerien vom Mutterland loslösen und sein Geschick in die eigenen Hände nehmen. Solche Drohungen konnten nicht ohne Eindruck auf Minister bleiben, die am 6. Februar 1956 angesichts der Straßenaufläufe in Algier den Kopf verloren und schleunigst von dem Versuch einer Verhandlungslösung auf die sattsam bekannte "Politik der Stärke" umgeschaltet hatten.

Das vorgeschlagene "Rahmengesetz" mit seiner doch recht zahmen Planung einer föderalistischen Struktur Algeriens innerhalb der Französischen Union hat nun bei den extremistischen Organisationen der weißen Algerier höchstes Mißtrauen hervorgerufen. Die Veteranenverbände und die aktivistischen Studentengruppen, die den Kern dieser Organisationen stellen, wollten in dem Gesetz den entscheidenden Schritt zu einer Preisgabe des "französischen Algerien" sehen. Sie riefen darum für den 18. September zu einem Proteststreik der über eine Million Europäer auf. Ihre Tendenz war unverkennbar, den Protest durch gewaltsame Ausschreitungen zu unterstreichen.

Zur Überraschung der Öffentlichkeit setzte sich nun aber der französische Staat zum ersten Male auch gegen die weiße Bevölkerung Algeriens (die sich neben Franzosen auch aus Spaniern, Maltesern, Italienern zusammensetzt) auf die Hinterbeine. Algerienminister Lacoste verkündete, daß streikende Beamte fristlos entlassen würden. Und der für seine harte Faust bekannte Fallschirmjäger-General Massu erklärte, daß er diesen Streik genauso zusammenschlagen werde, wie er das mit dem Generalstreik der Algerier vor der letzten UNO-Debatte über Algerien getan habe. "Unsere Methoden sind wirksim. Ihr wart die ersten, sie zu billigen. Nun müßt aber auch Ihr die Gesetze der Republik respektieren." Das war eine arge Enttäuschung für die weißen Extremisten, die immer schon davon träumten, zusammen mit den Fallschirmjägern, dem französischen Elitekorps, dem "System" den Garaus zu machen. Der Streik wurde abgeblasen, und aus ganz Algerien wurde an jenem Mittwoch kein einziger Zwischenfall gemeldet.

Damit aber ist das Drohbild einer geschlossen hinter den Wortführern des Extremismus stehenden weißen Bevölkerung Algeriens kläglich zusammengebrochen. Ob deren Mehrheit bisher einfach gegen die Ultras nicht aufzumucken wagte oder ob die Isolierung dieser Ultras vielmehr ein Ergebnis des Versagens der "Politik der Stärke" ist, scheint dabei weniger wichtig zu sein. Entscheidend ist vielmehr die Lehre aus dem mißglückten weißen Generalstreik: die französische Regierung kann heute den Versuch einer Verhandlungslösung mit den algerischen Nationalisten wagen, ohne dadurch automatisch einen innerfranzösischen Bürgerkrieg heraufzubeschwören. Armin Mohler