Von Rudolf Walter Leonhardt

Ich glaube, mit der "guten Kinderstube" fängt es schon an. Da sagte Großmutter wohl: "Der Esel nennt sich selbst zuerst." Und aus Gründen, die mir heute nur noch halb begreiflich sind, empfand ich damals einen Vergleich mit diesem ach so gutmütigen und liebenswerten Tier als kränkend. Liebe Kinder nennen sich deswegen nicht mehr zuerst – und schließlich nennen sie sich gar nicht mehr.

Irgendwann in der Schule muß es gewesen sein, daß wir zum erstenmal in die Kunst des Briefeschreibens eingeweiht wurden. Viel habe ich davon nicht behalten außer jener strengen, jenseits aller Geschmacksurteile apodiktisch und scheinbar ein für allemal gesetzten Regel: Ein Brief darf nicht mit "Ich" anfangen. Wir schrieben als Kinder eigentlich nur Briefe, wenn wir uns bedanken mußten. Und statt "Ich bedanke mich" formulieren wir seitdem "Vielen Dank". Das ist zwar kein guter Stil, aber – so heißt es – gute Sitte.

Es vergingen viele, viele Jahre, bis mir Gelegenheit gegeben wurde, die deutsche Sprache gewissermaßen von außen zu sehen, mich an ihren Schönheiten zu freuen, mich über ihre Unsitten zu ärgern. Eine solche Unsitte ist die Ich-Verdrängung.

Ich lebte damals unter Engländern, Leuten also, die für "ich" ein großes "I" schreiben und denen darum oft vorgeworfen wird: Da sieht man doch einmal deutlich, wie eingebildet sie sind, wie sie sich immer wieder selber in den Vordergrund drängen; "I" sagen sie und setzen sich selber als großes und protziges Initial über alles andere.

Da wurde ich stutzig. Zu offensichtlich widersprach diese Behauptung all den Tatsachen, die ich täglich beobachten konnte. Falls es nämlich eine englische Überheblichkeit gibt – ich bin mir darüber nie ganz klargeworden –, falls es sie aber gibt, dann ist sie gerade nicht persönlich, nicht an das Ich gebunden, sondern kollektiv: "Wir Engländer ...!"

Mit der behaupteten Überheblichkeit der Ich-Engländer wurde mir die angebliche Bescheidenheit der Ich-Verdränger verdächtig. Seit zehn Jahren füttere ich diesen Verdacht, habe ich Beispiele gesammelt, die ein ganzes Buch füllen könnten. Und nun brach alles, was sich da angestaut hatte, mächtig hervor, als ich eine Erzählung von Ernst Schnabel im September-Heft der Zeitschrift MERKUR (Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart) las – eine besonders schöne und höcist bemerkenswerte Erzählung übrigens, aus euer älteren Rundfunkarbeit hervorgegangen. Orion, ein Tertianer, der Schiffsjunge Schnabel und die griechische Mythologie sind eine wundersame Verbindung eingegangen, von dem englischen Ehepaar Cook gar nicht zu reden.