Was ein Seemann über die Segelschiffahrt sagt, ist im Augenblick einer Katastrophe, wie sie die "Pamir" ereilte, von größter Bedeutung. Zwar schrieb der Admiral Bernhard Rogge diese Zeilen noch bevor die "Pamir" ihre letzte Fahrt antrat, aber seine Überzeugung ist unverändert. "Hüten wir uns davor" – diese Worte fügte er seinen Ausführungen angesichts der Katastrophe bei –, "allzu früh nach dem Wozu und Warum zu fragen! Es gibt trotz allen technischen Fortschritts letzte Entscheidungen unseres Gottes, die wir nicht ändern, nicht beeinflussen können, sondern denen wir uns demütig zu beugen haben. Mit ,Landmaßstäben‘ kann man die Ereignisse auf See nicht messen – dort gelten andere Gesetze. Wer sie nicht erkennt, sollte sich zurückhalten und still beiseite stehen." – Dies sind Worte eines Mannes, der die See aus großer, langer und schwerer Erfahrung kennt: Rogge, heute Befehlshaber des Wehrbereichs I der Bundesmarine (Schleswig-Holstein und Hamburg), tat schon Dienst auf der "Niobe", dem Schul-Segelschiff, das 1932 sank; er fuhr auf der "Deutschland", war Kommandant der "Gorch Fock" und der "Schlageter" und führte im Kriege die "Atlantis" auf der längsten Kaperfahrt, die je in der Kriegsgeschichte vermerkt wurde: Das Schiff kreuzte 655 Tage hindurch auf allen Ozeanen, ehe es versenkt wurde. Und wie dem "Seeteufel"-Grafen Luckner nach dem ersten Weltkrieg die Sympathie seiner Gegner deutlich kundgetan wurde, so nach 1945 dem Konter-Admiral Rogge, der sich im Kriege als guter Soldat und danach als guter Demokrat bewährte:

Daß einer sich heute, in dem modernen technischen Zeitalter, noch für die Segelschiffs-Ausbildung einsetzt, ist vielen Menschen nicht verständlich. Immer wieder wird entgegnet, der zukünftige Autofahrer werde während seiner Ausbildung ja auch nicht gezwungen, zunächst auf einem Kutschbock Platz zu nehmen. Dabei übersehen diese Kritiker, daß gerade bei den komplizierten technischen Anlagen der modernen Schiffe jemand vorhanden sein muß, der diese Einrichtungen in der Schiffsführung richtig nutzt; jedoch das Schiff in jedem Fall führen kann, notfalls auch ohne den modernen technischen Apparat. Auch heute noch sind seemännische Erfahrung, navigatorisches Können die Voraussetzung für jede zuverlässige und sichere Schiffsführung.

Grundvoraussetzung ist und bleibt die Kenntnis von den Gegebenheiten der See in allen ihren Eigenheiten und ein Vertrautsein mit den Elementen des Seemannes und der Allgewalt der Natur. Meer, Wind und Wetter müssen auf See möglichst unmittelbar erlebt werden, und deshalb, dürfen die Segelschulschiffe nicht als romantische und überflüssige Überbleibsel vergangener Zeiten gelten. Im Gegenteil: Sie bieten die beste Voraussetzung der modernen Ausbildung. Denn nirgends lassen sich diese Grundlagen dieses schönen und harten Berufs besser erlernen und erleben als hier. Da ist die dauernde Auseinandersetzung zwischen Natur und Mensch; da lernt der junge Mensch die Grenze erkennen zwischen Wollen und Können; da lernt er seine Kräfte begreifen; da erfährt er die Schönheit der See, aber auch ihre Grausamkeit. Schließlich liebt er die See und verschreibt sich ihr ganz. Wir, die Besatzung der "Atlantis", hätten im vergangenen Kriege nicht solange bestehen können, wie es geschah, ohne die vorangegangene Schule des Segelschiffs und die dort gewonnenen Erfahrungen: sie allein befähigten uns, unvorhersehbare Situationen, Havarien oder andere Gefahren zu meistern.

Immer fand ich, daß auf einem Segelschiff die Jungen am ehesten ihr neues Element, die See, verstehen lernten. Das Schiff wurde ihr Schiff. Sie begriffen, wie abhängig jeder Seemann von der See, vom Wind, vom Wetter ist. Sie "schnupperten" schon morgens nach dem Wecken in die Luft, sahen nach dem Himmel aus und wußten bald, was der Tag ihnen bringen würde.

Ohne Zweifel erlebt der junge Mann auf einem Segelschiff auch eindrucksvoller als auf jedem anderen Fahrzeug, was Gemeinschaft und Kameradschaft heißt. Die langen Seetörns der Segelschiffe bringen keine Ablenkung von außen; sie bringen Konzentration auf den Dienst und führen eine gleichmäßige, stetige Gewöhnung an die See und das Leben auf See herbei. Die Erfahrung hat gezeigt, daß einer, der einmal in jungen Jahren unter den hochragenden Masten eines Segelschiffs gefahren ist, der See mit Leib und Seele verfallen ist. Es kann aber nur der sich zu einem guten Seemann entwickeln, der sich der See verschreibt. Und die Seefahrt wird eher auf den weißbehandschuhten Nautiker verzichten können als auf den zupackenden Praktiker, der sich richtig eben nur auf dem Segelschiff entwickeln und formen läßt.

Weil sie wissen, daß die Segelschiffsausbildung den größten Wert hat, deshalb halten so viele Nationen an dieser klassischen Methode der seemännischen Schulung fest. Nicht umsonst fordern große britische Reederien auch heute noch bei Besetzung der Kapitänsstellung erfahrene Nautiker mit Segelschiff-Fahrtzeit.