Von Paul Hühnerfeld

Dies Buch ist ein altes Buch, und daß es erst jetzt zu uns kommt, mag an zwei Dingen liegen: einmal an der langen Interimszeit von 1933–45, in der uns Weltliteratur überhaupt nicht oder nur in kleinen Dosen verabreicht wurde, zum anderen, weil bei einem lebenden Autor immer erst der Ruhm kommen muß und dann die sämtlichen Werke. So ist es zu verstehen, daß wir von Ernest Hemingway zuerst "Fiesta" und "In einem anderen Land", dann "Wem die Stunde schlägt" und "Der alte Mann und das Meer" kennenlernten, ehe sein deutscher Verleger Rowohlt nun herausbringt:

Ernest Hemingway: "Die Sturmfluten des Frühlings", deutsch von Annemarie Horschitz-Horst. Rowohlt-Verlag, Hamburg. 135 S., 7,50 DM.

Dies Buch nämlich – Hemingway nennt es "einen romantischen Roman zu Ehren des Verschwindens einer großen Rasse" – ist beinahe ein Erstling. Vorher erschien nur "In dieser Zeit", dann dies (1926) und erst später der Roman, der den literarischen Durchbruch brachte: "Fiesta". Liest man das Buch jetzt, mehr als dreißig Jahre nach seinem Erscheinen, so kann man mit Recht die Frage stellen, ob man es – da man es so spät erst liest – überhaupt noch hätte lesen müssen.

Der "Roman" ist, sagen wir es klar und mit der Respektlosigkeit, die ein so großer und respektloser Autor wie Hemingway verlangen kann, literarischer Klatsch auf höchster Ebene. Wer die Entstehung des modernen amerikanischen Romans im Paris der zwanziger Jahre gleichsam in einem Zerrspiegel erleben will, der greife zu diesem Buch. Man weiß: Zu Anfang der happy twenties kam der junge Autor Hemingway nach Paris, um Europa zu erobern und sich von Gertrude Stein erobern zu lassen. Die Eroberung des jungen Autors durch diese ebenso kluge wie doktrinäre Frau mit dem Wahlspruch a rose is a rose – a rose is a rose – a rose is a rose – a rose is a rose auf ihrem Briefpapier, gelang so gründlich, daß sich wohl schon bald in die bewundernde Liebe Komplexe und Abneigungsgefühle mischten – Abneigungen, die nun aber nicht auf die Lehrmeisterin, sondern auf deren bravsten Schüler, Sherwood Anderson, übertragen wurden. Sherwood Anderson war damals schon ein berühmter Autor. Hemingway war es nicht. Der arme Anderson, der die esoterischen Ansichten Gertrude Steins bis zum Primitivismus getrieben hatte, bekam nun die ganze Wut seines "Stallgefährten", des erfolglosen, aber weitaus genialeren Hemingway, zu spüren.

"Stallgefährten" waren die beiden übrigens im doppelten Sinne. Nicht nur, daß sie beide im Salon der Gertrude Stein aus- und eingingen – sie hatten auch den gleichen Verleger. Und natürlich lehnte der Verleger Andersons ein Pamphlet gegen seinen Autor ab. Und ebenso natürlich nahm ein anderer Verleger, Charles Scribner Sons, das Manuskript an. Denn welcher Verleger würde nicht gern einem Kollegen einen vielversprechenden jungen Autor abnehmen?

Und so erscheint dann diese merkwürdige Parodie auf den Primitivismus Andersons, verkleidet in die Geschichte von einem Pumpenarbeiter, dem die Frau fortgelaufen ist. Wie er sich eine neue sucht, wie er literarische Gespräche mit einer Kellnerin führt, das alles ist vom Inhalt her völlig uninteressant. Interessant ist es von dem Hintergrund her, der eben aufgezeigt wurde, nur mit der Einschränkung, daß auch dieser Hintergrund jetzt – dreißig Jahre danach – zumindest für Deutschland eigentlich uninteressant ist. Lesenswert an diesem Buch scheint heute allein noch dies: die renitente Unbehaglichkeit, in der es geschrieben ist, und in der, mitten zwischen wirklichem Unfug, einzelne Sätze aufleuchten, die die Pranke eines Großen schon verraten. Lesenswert scheint auch, daß die Grundprobleme von Hemingways Leben: Angst – und dadurch überbetonte Männlichkeit, Liebe und Tod schon hier auftauchen. Weil die Werke eines großen Autors möglichst geschlossen vorliegen sollen, muß man sich bei Rowohlt auch für dieses Buch bedanken. Daß man es in allen einzelnen Partien versteht, kann er vom deutschen Leser wohl nicht erwarten. Falsch wäre es, hinter den Stellen, die man nicht begreift, tieferen Sinn als Klatsch zu vermuten. Es ist nur Klatsch.