GK, München Zwölf Böllerschüsse gaben das Signal. Fernseh- und Wochenschauleute hatten das erste Bierfaß, Banzen genannt, ins rechte Licht gerückt, Münchens populärer Oberbürgermeister Thomas Wimmer ergriff Schlag zwölf Uhr den Holzschlegel und zapfte (meisterlich) an. Schäumend schoß das Gebräu in die Maßkrüge, die Oberländlerkapelle spielte einen Tusch, Thomas Wimmer prostete den sich um ihn drängenden Ministern und Abgeordneten zu und ließ die Stadt München und das Land Bayern hochleben. Das 124. Oktoberfest war eröffnet.

Man sagt, es sei Europas größtes Volksfest. Die Werbung für die Wies’n begann schon im Frühsommer. Ein Münchener Kindl lud auf 13 000 Plakaten in der Welt zum Besuch ein, ein lockender Prospekt wurde in 95 000 deutschen, 30 000 englischen und 15 000 französischen Exemplaren verschickt. Der Text schilderte das "internationale Treffen bayerisch-barocker Lebensfreude" und endete mit dem fröhlichen Schlachtruf "Auf geht ’s auf d’Wies’n!"

Offensichtlich hat die Auslandswerbung reiche Früchte getragen. Aus der Schweiz, aus Österreich, Italien und Frankreich kommen jedenfalls die Besucher in Massen, und auch aus den USA eilen Reisegesellschaften in Charterflugzeugen nach München. Sogar in die hohe Politik spielte das Oktoberfest hinein: seinetwegen wurden nämlich die Bundestagswahlen, die ursprünglich am 22. September stattfinden sollten, um eine Woche vorverlegt.

Auf der Theresienwiese, zu Füßen des riesenhaften Bronzestandbildes der Bavaria, dröhnen Blechmusik und Drehorgelkonzert, Motorengeratter, die Schreckensrufe der Achterbahnfahrer und die heiseren Stimmen der Ausrufer durcheinander. Fünfundzwanzig Hektar ist die überbaute Fläche groß, die bebauten Straßenfronten sind fünf Kilometer lang. 750 kleine und große Unternehmen, vom Flohzirkus bis zum Riesenrad, wurden zugelassen; gut doppelt soviel hatten sich um einen Platz auf der Festwiese beworben. "Eigentlich ist es alle Jahr’ das gleiche, aber trotzdem sind die Leut’ jedesmal wie verrückt", meint der zuständige städtische Referent. Den alten Attraktionen haben sich freilich heuer auch ein paar neue hinzugesellt.

Von den Raffinessen des technischen Fortschritts unbeeinflußt geblieben ist der würzige Wies’ngeruch, der von Mittag bis Mitternacht durch die Budenstadt weht: der Duft der Brathendl und Steckerlfische, der Schweinswürstl am Rost, der gebrannten Mandeln, des türkischen Honigs und der Fischsemmeln. In den riesigen Bierzelten der sieben Münchner Großbrauereien werden 200 000 Maßkruge täglich mehrmals gefüllt und geleert. Daneben gibt es eine Ochsenbraterei, neun Hühner- und sechs Fischbratereien, 19 Imbißhallen und Würstlbratereien und 280 Verkaufsstände mit Wurst, Obst und Süßigkeiten. Schließlich bieten 120 alte Weiblein Sammeln, Brezen und Salzstangerl feil. Was Wunder, daß viele Schausteller ihre Sensationen vergeblich anpreisen und resigniert feststellen, daß sich die Wies’nbesucher diesen Herbst vor allem aufs Essen und Trinken eingestellt haben.

Eine leise Vorahnung davon hatte die Verkehrspolizei, die rechtzeitig den Münchener Lotsendienst bat, auf der Theresienwiese eine Sonderstation einzurichten. Für fünf Mark bringen nun die Lotsen jeden motorisierten Oktoberbesucher, der über den Durst getrunken hat, innerhalb des Stadtgebietes nach Hause. Das Volksfest hat aber auch zur Vertiefung der Münchener Verkehrsmisere beigetragen. Der Parkplatzmangel ist so katastrophal, daß die Polizei die motorisierten Münchener flehentlich bat, ihre Fahrzeuge beim Wies’nbesuch zu Hause zu lassen. Gleichzeitig mit dem Oktoberfest wird obendrein noch das traditionelle Zentrallandwirtschaftsfest auf der Theresienwiese abgehalten, und im nahen Ausstellungspark findet eine große Fachschau der Gastronomie statt. Bei deren Eröffnung erklang die Eugen-Onegin-Polonaise von Peter Tschaikowskij – als freundliche Geste für den prominentesten Gast, den russischen Botschafter Andrej Smirnow. Für seinen Wies’nbesuch zog es der Sowjetdiplomat allerdings vor, inkognito zu bleiben.

Wenn das Oktoberfest am Sonntag endet, werden die Festwirte wieder ungern darüber berichten, wieviel Bier sie ausgeschenkt haben (im vergangenen Jahr waren es mehr als 2,5 Millionen Liter). Aber um so lauter werden sie wohl klagen, daß ihnen erneut x-tausend Maßkrüge fehlen. Bierlustige Besucher haben sie, wie jedes Jahr, als Andenken an die Münchener Wies’n-Gaudi mit nach Hause genommen.