Von Thilo Koch

Wie ein sanft illuminiertes Diadem leuchtet die eben zu den Festwochen fertiggestellte Kongreßhalle gegen Abend durch die nachgewachsenen Sträucher des Tiergartens. "Fahren Sie bitte die Straße des 17. Juni bis zum Brandenburger Tor, biegen Sie dann scharf links ein, lassen Sie die Reichstagsruine rechts liegen, dann kommen Sie geradezu auf den Parkplatz der Kongreßhalle", sagt der Verkehrsschupo am Großen Stern – "die direkte Zufahrt ist verstopft." Die zwei riesigen Schmetterlingsflügel des kühnsten Baus in Europa werden von unten so angestrahlt, daß sie auf ihrem ockerfarbenen Sockel, dem gläsernen Fundament, hinter Wasseranlagen und Fontänen festlich beschwingt, .schirmend und einladend aussehen. Sie wurde Krone und Krönung der INTERBAU, diese Kongreßhalle.

Nun werden die Absperrungen beseitigt, die Zelte mit ihren Spezialausstellungen ausgeräumt und abgerissen, die Kassen für Eintritt in DM West und DM Ost verladen, und nur noch der hochalpine gelbe Sessellift gleitet weiter über Berlins breite Ost-West-Achse hinweg vom S-Bahnhof Zoo zum S-Bahnhof Bellevue hinüber und an all den umstrittenen Neubauten des Hansaviertels vorüber. Annähernd 900 000 Menschen haben in nicht ganz drei Monaten die INTERBAU besucht. Das ist der größte Ausstellungserfolg in der Geschichte der Stadt. Mehr als 300 000 Besucher lösten Eintrittskarten für Ostmark, und da sie dabei ihren Ausweis zeigen mußten, ist verbürgt, daß über ein Drittel aller Besucher aus dem sowjetisch besetzten deutschen Gebiet herüberkam. Pressestelle, Lautsprecheranlagen, Architekturstudenten als Ausstellungsführer waren grundsätzlich auf die vier führenden europäischen Sprachen eingestellt. Das mochte am Anfang wie "Metropole spielen" aussehen, aber die INTERBAU lockte tatsächlich fachlich interessierte Zuschauer aus der ganzen Welt herbei.

Ein großer Erfolg also, und Bausenator Rolf Schwedler kann sich in seinem neuen Hochhaus am Fehrbelliner Platz bequem in den Amtssessel zurücklehnen, verschnaufen und selbstzufrieden lächeln. Kann er es wirklich? "Das sind Monumente von Star-Architekten!" sagte ein persischer Baufachmann: "Zu viele tote Räume auf Kosten des Quadratmeterpreises! Ein Corbusier braucht noch nicht gut zu sein, nur weil er Corbusier heißt!" "Die Stadt von morgen?" fragte ein Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und antwortete? "Die Stadt von vorgestern." Das eigentliche Thema der Internationalen Bauausstellung wäre nach Meinung dieses Parlamentariers gewesen: Wie baue ich für eine Familie des Mittelstandes mit zwei und drei Kindern ein ausreichendes Einfamilienhaus für möglichst geringe Kosten?

Nun präsentiert die INTERBAU auch 48 Einfamilienhäuser. Aber jedes kostet zwischen 70 000 und 100 000 Mark, und die überdurchschnittlichen Baukosten werden zu einem großen Teil aus öffentlichen Mitteln vorfinanziert. Professor Ludwigs Flachbauten zum Beispiel sind architektonische Meisterstücke. Mit dem kleinen, ganz nach außen abgeschirmten Innenhof, dem Atrium, bezieht er Garten und Himmel wie eine Art zusätzliches Zimmer in die Wohnung ein. Was Ludwig aus dem Werkstoff Eternit alles zu bilden versteht, ist bewundernswert. Aber, natürlich, der Käufer eines solchen Einfamilienhauses finanziert ein Experiment. Der Baugrund wurde besonders stark armiert; die Wände aus dem neuartigen Glasbeton mußten aus Westdeutschland herangeschafft werden; ein Schweizer Gartenarchitekt war auch nicht ganz billig.

Immerhin ein geglücktes Experiment, was man zum Beispiel vom Einfamilienhaus Sepp Rufs nicht sagen kann. Roter Klinker und naturfarben lasiertes Holz sehen immer würdig und gut aus. Aber was soll eine Dienstmädchenkammer neben der Küche, in die kaum ein Bett paßt, die ein dekoratives Blumenfenster hat, das aber von einem überragenden Dach beschattet wird und vor dem sich in ein Meter Abstand eine zwei Meter hohe Mauer erhebt? Mit solchen grotesken Fehlleistungen, mit derart unsozialen Experimenten versöhnt auch eine wunderschöne Wandschrankflucht nicht und ein sonst sehr klarer Grundriß.

Mancher Architekt hat offenbar in die Schublade gegriffen und einen bewährten Haustyp in den Tiergarten gestellt, wo doch besondere Bedingungen und andere örtliche Gegebenheiten ganz eigene, phantasiereiche Entwürfe forderten. In anderen Dimensionen ist dieser Vorwurf auch Le Corbusier, der am 6. Oktober 70 Jahre alt wird, nicht zu ersparen. Seine in Südfrankreich erpiobte "Wohneinheit" wollte sich in die Ausmaße des Hansaviertels nicht einfügen. Aber der renommierteste europäische Architekt sollte nicht fehlen, und so durfte Le Corbusier ein Haus "Typ Berlin" auf einen freien Sandhügel im Nordwesten der Stadt, in die Nähe des Olympiastadions, setzen. 530 Wohnungen wird dieses Betonungetüm umfassen. Die technische Fertigung dieser Wohnmaschine ist imponierend präzise durchdacht. Aber gibt es eigentlich den Menschen, der sich in die Waben dieses steinernen Ozeanriesen gern hineinstanzen läßt? 150 Parteien wohnen an einem Flur. Tag und Nacht wird es auf diesen Fluren und Stockwerken, in diesen Fahrstuhlschächten summen und laufen und husten und schlurfen und lachen, Radio spielen und plätschern, weinen und streiten wie in einem Bienenkorb. 15 Millionen D-Mark kostet dieser babylonische Turmbau, den auch der entschlossene Enthusiast für modernes Bauen nicht bedenkenlos akzeptieren kann. Zehn Prozent der Bausumme schlucken allein die Betonfüße des Riesen, die eine bloß ästhetische Funktion haben. Auf 83 Mark kommt der Kubikmeter umbauten Raumes gegenüber den etwa 60 bis 70 Mark des sozialen Wohnungsbaues. Mit diesen Mitteln hätten wohl ebenso viele Wohnungen hergestellt werden können, in denen es sich besser, individueller leben ließe, zumal der Bauplatz für ein aufgelockertes Arrangement Raum genug bietet.