Ein Signet der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft aus dem Jahre 1894 zeigt eine üppige Walküre, die auf Rädern über eine Weltkugel fährt, in der Hand statt der prometheischen Flamme eine mächtige Glühbirne schwingend – es ist das offensichtlich eine Fortuna, die fortschrittliche Fortuna des Jahrhundertendes. Wenige Jahre später findet sich an ihrer Stelle das schon vertraut anmutende Buchstabenzeichen AEG – die erste weltgültige Firmenabkürzung dieser Art übrigens! –, das sich von Jahr zu Jahr immer mehr klärt und vereinfacht. Dieses Zeichen erfunden, den entscheidenden Anstoß zur Einfachheit und Klarheit in der Entwicklung der allgemeinen Gebrauchsformen gegeben zu haben, ist das Verdienst von Peter Behrens. Er begann als Maler, wurde dann der bestimmende Baumeister der Epoche, und schließlich bezog er Teekessel Und Schreibmaschine, Warenzeichen und Drucktype in seine formgebende Tätigkeit ein. Die kleine Schau auf der Darmstädter Mathildenhöhe – wo im Jahre 1901 diese Tendenz zur Formeneinheit in einer Ausstellung seiner und verwandter Arbeiten zum erstenmal sichtbar wurde – ist höchst instruktiv. Sie zeigt in vergleichenden Bildern und Zeichen das Ergebnis fünfzigjährigen Bemühens um den Ausdruck unserer alltäglichen Welt. Ein bescheidenes Ergebnis, wenn man will... ein Sich-Bescheiden nämlich, ein Verzicht auf den zweck- und sinnlosen dekorativen Schnörkel und auf den jubilierenden Fortschrittsglauben, wie ihn jene Fortuna zu verkünden schien.

Man hätte sich auch im weiteren Verlauf des diesmaligen "Internationalen Kongressses für Formgebung" nachdrücklicher an Bilder und Zeichen statt an Begriffe und Definitionen halten sollen, mit denen man die anfänglichen Unterhaltungen unnötig belastete. Um so unnötiger, als die geladenen Ausländer keinen oder wenig Teil daran haben konnten und im Grunde alle wußten, was gemeint war. "Formgestalter", "Formgebung", "Industrieform" sind – wenn auch unbeholfene – Hilfswörter der Verständigung. Sie genügen, um der Arbeit an der Sache zu dienen.

Eins ergaben allerdings diese begrifflichen Präliminarien, und das bestätigte sich eklatant bei der ersten Werksbesichtigung: die Gestalt, die "dem Naturgesetz nahekommt", wird als schön empfunden (in der Darmstädter Formulierung) oder: die technische Form, die reine Funktion ausdrückt, ist vollkommen. Die "Kulturkolben" (für Penicillinkulturen nämlich) der Firma Schott und Gen. scheinen ausgewogener, gelungener, also mehr "Gestalt", als die farbigen Kunstgläser und Vasen. Die Gesetzmäßigkeit innerhalb der Freiheit der Dinge zu finden, die nicht nur einem Zweck dienen, sondern einen Sinnüberschuß erzielen wollen, ist zweifellos schwieriger, als reinen Zweck in Form umzusetzen.

Die Darmstädter Tage des Kongresses – vom einladenden "Rat für Formgebung" mit beachtlichem Aufwand an technischen Hilfsmitteln und viel Vorsorge vorbereitet – galten der Frage der Heranbildung des Formgeber-Nachwuchses, im wesentlichen einer guten und breiten Mittelschicht also, die den Bedarf der Industrien decken kann. Der Vorkurs, wie ihn das Bauhaus "erfunden" und geübt hat – die freie spielerische Betätigung mit Material, mit Formen und Farben, die Lockerungsübungen, die Entwöhnung vom optisch Gewohnten – wurde erneut empfohlen. Er ist notwendig: wie jede unmittelbare Anregung zu schöpferisch-formendem Tun, und das nicht nur für den künftigen "industrial designer". Wichtig war hier der Hinweis von Ernst May: das Ziel der technischen Perfektion, das Ergebnis der ständig wachsenden Automation könne nur der homo ludens sein. Die neugewonnene Freizeit müsse alsbald, ehe sie in Schwarzarbeit und abstumpfendem Zeittotschlagen vertan, ehe sie "zum Fluch der Langeweile" werde, dem schöpferischen Spiel zugeführt werden. Das gilt für die Erwachsenen wie für die ganz Jungen am Schulbeginn. Das Urteilsvermögen in ästhetischen Fragen läßt sich nur so stärken – das ist richtig. Das Problem praktisch zu lösen, bleibt für die Schule so schwierig wie für die Ausbildung industrieller Formgestalter: der ständig sich ausbreitende Wissensstoff, die Spezialisierung und Differenzierung der Techniken, die der "Industrieformgeber" kennen und können muß, engt die Zeit für die musischen Betätigungen, für die künstlerische Gestaltung beängstigend ein. Diesen Zwiespalt zwischen Techniker und Künstler vermochte auch in der Darmstädter Auseinandersetzung niemand so recht aufzuheben.

Für die Fachschulen der einzelnen Gebrauchsgutindustrien – das machte Rudolf Lunghard (Direktor der Staatlichen Höheren Fachschule für Porzellan in Selb) sehr deutlich – ist es so gut wie unmöglich, eine gründliche formgestalterische Ausbildung ihrem ohnehin dichten Arbeitsprogramm einzufügen. Ebenso äußerte Professor Haupt (Technische Hochschule, Karlsruhe) Bedenken gegen die von Herbert Seebacher (Architekt in Graz) angeregte zusätzliche "Formgestaltungslehre" als Fach an den Technischen Hochschulen. Es sei eine Illusion, Ingenieure zu Formgebern machen zu wollen. Zu erreichen sein müßte und sollte der "Respekt vor der Form": also die Schaffung einer Gesinnung durch eine Art Studium generale. Einleuchtend erschien der Vorschlag von Professor Hassenpflug (TH München), den auch der Berliner Architekt Carl Otte lebhaft unterstützte: eine mobile Schule zur Ausbildung einer Spitzenschicht von "Formgebern" zu schaffen, die von besonders geeigneten Absolventen der Technischen Hochschulen, der Fach-, Werk- und Kunstschulen, besucht würde. Also: – eine Art Wanderschaft mit jeweils mehreren Monaten Aufenthalt durch die – vorbildlichen – Industriebetriebe, auch diejenigen des Auslands. Nur so könne die Formgebung differenziert, der Zusammenhang mit der "Werkstätte" hergestellt werden. Es kann ja auch kaum darauf ankommen, einen allround-designer zu schaffen. Die Bindung an einen Betrieb ist auf die Dauer nicht nur unvermeidlich, sondern wünschenswert. Das Team bietet – so sagte v. Hartmann – sich als dringend notwendiger Ausweg aus dem Dilemma der Vereinzelung und Spezialisierung an, und zwar die Teamarbeit innerhalb des Formentwurfs wie mit den übrigen Teilen eines industriellen Betriebs.

Es zeigte sich am dritten Diskussionstage, der – endlich – auch die ausländischen "Formgeber" zu Worte kommen ließ, daß die von hemmenden Ideologien nicht gestörte Entwicklung im Ausland zu soliden und praktikablen Lösungen geführt hat. M. Viénot, der Leiter des Institut d’Estétique Industrielle in Paris, schlug denn auch einen Austausch über die Grenzen vor, was lebhaft akklamiert wurde. Besonders einleuchtend erschien die Arbeit, die das holländische Instituut voor industriele Vormgeving in Amsterdam unter ihrem Direktor Karel Sanders leistet: es gibt rasche Hilfe, es vermittelt zwischen der Industrie, die sich ständig ausdehnt und deren Bedarf an Formgebern wächst, und eben den Formgebern. Es hält Kontakt mit den Fachschulen, wählt durch eine strenge Jury aus ihren Schülern besonders geeignete aus und fördert ihre Weiterbildung. Es empfiehlt kleineren und weniger finanzkräftigen Industrieunternehmen junge, d. h. noch nicht bewährte, aber hoffnungsvolle designer, die dann im Betrieb weiter "aufwachsen". Beachtlich erschien auch das Unterfangen des italienischen Warenhauskonzerns "Rinascento", über das der junge Augusto Morello mit großer Verve berichtete: hier also – auf dem "Umschlagplatz des alltäglichen Publikumsgeschmacks" – werden die Bedürfnisse der Käufer so genau wie möglich erforscht. Ein Formgestaltungsbüro wertet diese Erkenntnisse in eigenen Entwürfen aus, die dann von Industriebetrieben exklusiv für "Rinascento" ausgeführt werden. Höchst interessant war der Hinweis Morellos auf die Besonderheit der Kunststoffe, die ja immer häufiger das Material für die täglichen Gebrauchsgüter darstellen. Im Kunststoff sei tatsächlich "der Prozeß der Mechanisierung ad absurdum geführt"; ihm fehle die einschränkende, die bedingende und damit ordnende Qualität der bisher verwandten Naturstoffe. Er verlange den vollkommenen Formentwurf und fordere damit – ein kühner, aber gewiß richtiger Schluß – die gestalterische Kräfte um so nachdrücklicher heraus.

Es ist kein Zweifel: der Industrieformgestalter – ungeheuerliches Wort für ein noch rares Geschöpf unserer Zeit – ist not. Die Gefahr, dem Mangel durch eine Masse flüchtig ausgebildeter Massen-Designer rasch abzuhelfen (auf die Prof. Kersting hinwies) liegt nahe. Sie wäre wohl zu bannen, wenn man das holländische Beispiel nicht aus den Augen verliert und außerdem auf lange Sicht das bildnerische Tun wieder gleichberechtigt neben die intellektuelle Schulung stellt – und zwar von Kindesbeinen an, sehr handfest, unbelastet von einer Weltanschauung und in der größtmöglichen Breite.