Es sei mir, als einer von den drei Millionen der weiblichen Berufstätigen, erlaubt, einige kritische Gedanken zu dem interessanten Artikel "Der Einkochkessel zum alten Eisen?" auszusprechen. Wenn sie morgens – mit zwei Netzen zum Einkaufen in der Handtasche – ins Büro wandert und nicht genau weiß, ob es ihr gelingen wird, in der halben Stunde zwischen Büroschluß und Ladenschluß diese Netze mit dem wichtigsten Bedarf zu füllen, werden ihr Gedanken an richtige Vorratswirtschaft, so wie unsere Mütter und Großmütter sie betrieben, wahrscheinlich gar nicht kommen ... Selbstverständlich ist ihr klar, daß für ihr Portemonnaie eine gescheite Marktbeobachtung äußerst nützlich wäre – aber... Dieses große Aber gilt in besonderem Maße für die berufstätige Ehefrau, die vielleicht noch ihre Kinder zu versorgen hat. Über dieses Thema ist viel und ausführlich geschrieben worden, und manche von ihnen mag auf konstruktive Vorschläge des Familienministeriums gewartet haben, die aber leider nicht gemacht wurden.

Doch auch für die alleinstehende Berufstätige hat es seine Bedeutung. Meistens wird sie es sein, die noch wichtige Arbeit im Büro nach der normalen Bürozeit erledigen muß, denn man mutet dies den verheirateten Frauen möglichst nicht zu: weil einsichtige Arbeitgeber Verständnis dafür haben, daß man die Ehefrauen nicht überfordern darf. Und dann steht sie – ein wenig müde, ein wenig abgespannt nach der Tagesarbeit – vor den geschlossenen Läden. In der Großstadt gibt es noch die Ausweichmöglichkeit, zum Bahnhof zu gehen und dort das Nötigste zum Abendessen zu erstehen. Daß man dort nicht gerade preisgünstig einkaufen kann, ist bekannt. Und sie wird sicher nicht auf den Gedanken kommen, von dort ihre "Vorräte" zu beziehen. Da ist ein Selbstbedienungsladen, der unsere Geplagte noch fünf Minuten vor Geschäftsschluß einläßt, schon eine bessere Einkaufsquelle, und die Hoffnung, die beiden Netze zu füllen, wird sich hier eher erfüllen. Wenn man sich die weiblichen Fahrgäste der letzten Züge der rush-hours weiblichen sieht man sehr deutlich, daß die Hetzjagd nach den Lebensmitteln arg an ihren Kräften gezehrt hat. Wer will es ihr da verargen, daß aus dem Netz die praktischen Konservenbüchsen herauslugen, die man nur in heißes Wasser zu stellen braucht, um eine Mahlzeit zu bekommen. Es ist ihr zweifellos bewußt, daß ein Glas Wurzelsaft sehr viel billiger zu haben sein wird, als ein Glas Johannisbeermost – aber Woher soll sie die Zeit nehmen, die Wurzeln zu waschen und zu reiben, um endlich den gesunden Saft trinken zu können?

Im Zuge der Bestrebungen, die Fünftagewoche einzuführen, wird nun der freie Samstag der einzige Tag sein, an dem auch die berufstätige Frau sich ihre Vorräte einkaufen kann. Daß sie aber auch zum Friseur gehen muß (denn schließlich möchte sie während der Arbeit nett und adrett aussehen), daß sie einen kleinen Schaufensterbummel machen möchte, um zu sehen, was die Mode bringt und ob vielleicht für sie etwas dabei ist, scheint selbstverständlich zu sein. Häufig wird sie sich überlegen, ob es nicht rentabler ist, sich das neue Herbstkleid bei der Schneiderin machen zu lassen –, aber ach! auch die netteste Schneiderin ist nicht immer bereit, ihre Kundinnen in den Abendstunden zu beraten und die Anproben so zu legen, daß es den Arbeits- und Einkaufsrhythmus nicht stört! Die schönen Schaufenster sind so verlockend, man sieht gleich alles fix und fertig vor sich und muß sich nicht den Kopf zerbrechen, wie man der Schneiderin am besten klarmacht, was man gern anziehen möchte.

Denkt auch jemand daran, daß das Zimmer oder im günstigsten Falle die kleine Wohnung geputzt werden soll? Wer kümmert sich um die Wäsche, mag sie auch nicht jede Woche einen großen Sack ausmachen, aber auch die Bettwäsche, die Handtücher und die Tischwäsche müssen zur Wäscherei gebracht und abgeholt werden – auch diese richtet sich nach den Ladenschlußzeiten. Natürlich wird sie die "kleine Wäsche" selbst erledigen, aber ohne Seifenpulver und Spülmittel geht es kaum – und das muß eingekauft werden. Zieht man das alles zusammen, dann bleibt für "Marktbeobachtung" zum Einkochen wahrhaftig keine Zeit mehr. Und so träumen sich viele dieser Frauen den Tag herbei, an dem es für sie nicht mehr erforderlich sein wird, mitzuarbeiten, und es bleibt die Hoffnung, daß sie dann den Einkochkessel aus dem Keller holen! H. L. G.