Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts saßen in einem Pariser Restaurant zwei alte Herren beim Mittagessen, die von der Nachwelt zu den Größten der Malerei gezählt werden – Degas und Pissaro. Danach berichtete Pissaro seinem Sohn Lucien tief niedergeschlagen über seine Unterhaltung mit Degas, der sich als wütender Gegner von Dreyfus entpuppt hatte und in seinem Antisemitismus so ausfällig geworden war, daß der Jude Pissaro für seinen weiteren Aufenthalt in Frankreich fürchtete.

Der Dreyfus-Prozeß ist Musterbeispiel für die Gefahren und Fußangeln des demokratischen Zeitalters geblieben: Aufpeitschung der Leidenschaften, Vergiftung durch das Vorurteil, Verblendung durch den Haß, brodelnde Vermengung von Ressentiment, Patriotismus, Religion und Beschränktheit. Ein neues Buch, vorzüglich übersetzt, gibt Anlaß, die Affäre noch mal zu überdenken:

Maurice Paléologue: "Tagebuch der Affäre Dreyfus." Übertragen von Helmut Lindenbaum. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 216 Seiten, 13,80 DM.

Der Sachverhalt ist bekannt: 1894 wird der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus unter der Anschuldigung des Landesverrats verhaftet; er soll dem Militärattache der deutschen Botschaft in Paris, von Schwartzkoppen militärische Geheimnisse verraten haben. Das Kriegsgericht verurteilt ihn zur Degradierung und Deponierung auf Lebenszeit. Dreyfus kommt auf die Teufelsinsel. Aber die Zweifel an seiner Schuld verdichten sich, bis das Verfahren wieder aufgenommen wird – die Revisionsverhandlung, Rennes 1899, ist in diesem Buch besonders eingehend und dramatisch dargestellt – und die Affäre endet damit, daß Dreyfus 1906 endgültig freigesprochen und rehabilitiert wird.

Maurice Paléologue, der Verfasser dieses "Tagebuchs", war ein bekannter französischer Diplomat und politischer Schriftsteller, der 1944 starb. Zur Zeit der Affäre war er ein junger Beamter im Außenministerium, Verbindungsmann zum Nachrichtendienst und, im Auftrag seines Ministers, Beobachter im Prozeß von Rennes. Ist das "Tagebuch" verläßlich? Paleologue kannte im damaligen Paris jeden, der jemand war; er genoß das Vertrauen des Außenministers und des Präsidenten der Republik; alle Salons standen ihm offen – und alle Geheimakten. So enthält das Buch eine Fülle von Porträts berühmter Leute, Einblicke in ihre Liebesaffären und eine an Einzelheiten unüberbietbare Darstellung der, sagen wir, ungewöhnlichen Art, wie Präsident Felix Faure starb. Aber Paleologue gibt selber zu, daß er sein ursprüngliches Tagebuch später überarbeitet hat. Es läßt sich nur raten, wo das Bild retuschiert wurde und wie stark. Man wundert sich ein wenig, wieso ein so junger Beamter eigentlich überall im Mittelpunkt der Ereignisse stand. Als historische Quelle ist das Buch daher mit Vorsicht zu benutzen.

In einem Punkt bringt es neues Material – leider ohne stichhaltigen Beweis; es lüftet ein Geheimnis und fügt sofort ein neues hinzu. Bis jetzt nahm man an, daß das Schriftstück, durch das Dreyfus belastet wurde, von einem verkommenen französischen Offizier, Major Esterhazy, stammte. (Er entzog sich der Justiz durch Flucht nach England.) Nach Paleologue hatte Esterhazy jedoch einen Komplicen, den Offizier Maurice Weil, und einen dritten Helfershelfer, der später einen hohen Rang in der französischen Armee einnahm. Aber sein Name wird nicht genannt, nicht einmal angedeutet. Wer war der dritte Mann?

Aber vielleicht ist nicht die unendliche Verwirrung und Verästelung das Interessanteste an der Affäre; vielleicht ist es, nach dem Erleben der letzten Jahrzehnte, psychologisch noch fesselnder, zu verfolgen, wie eine ganze Nation vom Fieber ergriffen wird und dann langsam wieder zur Besinnung kommt. Das hat etwas von einer antiken Tragödie. Herbert Martin