Von Hans Sahl

Zum achtenmal wird am Sonntag der Friedenspreisdesdeutschen Buchhandels verliehen. Bisher haben ihn empfangen: 1950 Max Tau, 1951 Albert Schweitzer, 1952 Romano Guardini, 1953 Martin Buber, 1954 C. J. Burckhardt, 1955 Hermann Hesse, 1956 Reinhold Schneider. Der Preisträger des Jahres 1957 heißt, wenn man ihn auf deutsche Art mit Titeln und Ehrentiteln bezeichnen wollte: Oberstleutnant Professor Dr. Dr. Thornton Wilder. Und ist Wilder in der Vorstellung von vielen nicht wirklich schon eine Art deutscher Klassiker geworden (den man um der verblüffenden Perspektive willen getrost auch einmal im vollen Schmuck seiner Titel nennen sollte)? – Wilders Berührungen mit Deutschland begannen – wenn auch zunächst indirekt – im Jahre 1906. Der damals Neunjährige besuchte zu jener Zeit die deutsche Schule in Hongkong, wo sein Vater amerikanischer Generalkonsul war. Dann dauerte es 23 Jahre bis zum nächsten Kontakt: 1929, als Dr. Wilder in Berlin deutsche Literatur studierte. Nach dem Kriege können wir Wilder jetzt schon zum vierten Male in Deutschland begrüßen – und die feierliche Preisverleihung in Frankfurt dürfte auch als ein Dank für dieses lebendige Interesse verstanden werden. Aber doch nicht nur das. Es gilt, Wilders Bedeutung zu sehen für diejenige Art von Humanismus, die wir uns gerne als geistige Grundhaltung der westlichen Welt vorstellen. Die deutsche Fassung, in der Wilders Dramen auf so vielen Bühnen mit so großem Erfolg aufgeführt wurden, verdanken wir Dr. Hans Sahl. Ihn haben wir gebeten, hier zu skizzieren, worin Wilders überragende geistige Leistung und die Ursache seiner Wirkung liegen.

Thornton Wilder 60 Jahre alt – es ist, als ob die Jugend heute schneller altert und das Alte sich länger jung erhält. John Osborne, ein Mensch der jüngsten englischen Dramatikergeneration, 27 Jahre alt, hat in seinem "Entertainer" die Tragik alternder Menschen auf die Bühne gestellt. Thornton Wilder, der Sechzigjährige, regeneriert sich an der Jugend, die er schildert. Und seine Zeitlosigkeit ist zugleich immer Neugier auf die Zeit gewesen, ein beständiges Dialogisieren mit ihr und den Problemen, die sie aufwarf, ein Forschen nach dem Sinn dessen, was geschah, geschehen wird und geschehen kann, hier und dort und überall, in Caesars Rom, in Roosevelts Amerika oder im Griechenland der Frau von Andros, wobei sich dann jedesmal herausstellte, daß es fast immer dasselbe war, was der Mensch auf seinem Schneckengang durch die Geschichte erfuhr.

Gestern noch, mitten im Krieg, schrieb er, der Amerikaner, das Stück von der Fragwürdigkeit der menschlichen Existenz in unserer und in jeder andern Zeit, das Stück derer, die "noch einmal davongekommen" sind, ein Stück, das eigentlich die Deutschen hätten schreiben müssen, und in dem er uns die Wiederkehr des Gleichen in einer Art von kosmischer Weltrevue von der Eiszeit bis zur Gegenwart vorführt, den ewigen Kampf des Menschen mit der Natur, seine Unbelehrbarkeit, seinen Mangel an Fortschritt, seine Verzagtheit, aber auch seinen Willen zum Wiederaufbau. Überzeugender als viele der offiziellen Unterweiser und Richter zeigte hier ein geistiger Vertreter der Siegerstaaten den Besiegten, was er unter "Demokratie" verstand: nicht den Glauben an die Macht der Statistik oder an die mechanische Ermittlung von Fakten, die oft wenig über die wahre Haltung des Einzelnen in den Jahren der Versuchung Aufschluß geben konnten, sondern Verständnis für die menschlichen Schwächen, von denen schon die Bibel wußte: Respekt für die andern, die mit uns leben; und eine Entheroisierung des "Heroischen", zugunsten jener "zivilen" Tugenden, die bei Wilder, vor allem in der "Kleinen Stadt", eine Art von dichterischer Verklärung empfangen.

Wilder wurde dabei über Nacht fast so etwas wie ein moderner deutscher Klassiker, ein Mensch, der aus einer andern Welt kam und auf seiner Farm in Connecticut vorweggenommen hatte, was später Tausende von Meilen jenseits des Ozeans Wirklichkeit werden sollte. Er wurde zum heiteren, nachdenklichen Abgesandten eines Amerika, das nicht gewohnt war, allzuviel ans Sterben zu denken, ja, das den Tod ignorieren wollte, um eine neue Zivilisation des Fortschritts, des Optimismus und des ewigen Lebens zu gründen – der er eine andere Konzeption entgegenhielt.

Ähnlich wie bei Ortega y Gasset spüren wir in Wilders Werk den planetarischen Blick für die Belange dieser Welt und für die Verlassenheit des Individuums auf dieser Erde. Es ist ein puritanisch-amerikanischer Zug, möchte man sagen, der sich von Melville bis zu O’Neill und Faulkner verfolgen läßt. Nur in einem Lande, in dem es Gegenden gibt, in denen noch vor wenigen Jahrzehnten die wilden Tiere hausten und heute Hochhäuser, Benzinstationen und Drugstores für die Anstrengungen der Menschen zeugen, einen Kontinent zu besiedeln, nur dort kann ein solches Gefühl entwickelt werden für die ameisenhafte Winzigkeit der Gattung Mensch im Raum, und zugleich für ihre Größe.

Inder "Kleinen Stadt" wird dieser "planetarische Humanismus" auf eine beinahe vergnügliche Weise in den Dienst einer Art von soziologischer Studie über einen solchen Ameisenhaufen gestellt, der hier zufällig, und auch wieder nicht zufällig, Grovers Corner’s heißt. Die Menschen erscheinen uns, als wären sie durch ein bald richtig gehaltenes, bald umgekehrtes Opernglas gesehen, sehr nah und sehr fern zugleich – so fern, als lebten sie auf einem andern Stern, und doch nahe genug, um in das Herz eines jeden einzelnen auf dieser Erde zu sehen.