Der Feldmarschall, der nur Befehle ausführte und „schlimmer war als die Russen

G. K. München, im Oktober

In dem hohen, holzgetäfelten Münchner Schwurgerichtssaal herrscht eine Atmosphäre, die mitunter gespenstisch anmutet. „Herr General, ich darf doch vorausschicken, daß wir uns in allen operativen Fragen sehr gut verstanden haben ...“ – „Verzeihen Sie, Herr Feldmarschall, wenn ich Sie in der Hitze des Gefechts ohne Dienstbezeichnung anrede.“ – „Jedes Dorf, jece Stellung war gegen den Ansturm der Russen zu halten ...“ Forsche Worte. Respektvolle Vernegungen vor dem Angeklagten, kerniger Militärton. Der Angeklagte selbst schickte fast jeder Aussage einen langen Generalstabs-Lagebericht voraus. Und wenn ein ehemaliger Landser as Zeuge auftrat und den Angeklagten, wohltuenderweise, nur schlicht beim Familiennamen nannte, so kam es vor, daß der Feldmarschall ihm leut-, selig kam und sich des schlichten „Ihr“ und „Euch“ bediente ...

Zum ersten Male seit Kriegsende steht ein deutscher Heerführer vor einem deutschen Gericht: Der ehemalige Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner (denn den Sepp Dietrich, der im gleichen Gerichtssaal seine Richter fand, kann man ja nicht gut einen Heerführer nennen). Schörner war zuletzt Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte.

Als er im Januar 1956 – ein 64-jähriger – aus russischer Gefangenschaft – die Amerikaner hatten ihn an die UdSSR ausgeliefert – in seine Heimatstadt München zurückkehrte, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Aber von 62 Anzegen, die den „Durchhaltemarschall“ betrafen – er hatte als letzter Offizier die Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern eihalten – blieben schließlich nur drei Fälle übrig, die die Staatsanwaltschaft zum Gegenstand der Anklageschrift machte: Totschlag in einem Fall, versuchter Totschlag in zwei Fällen. Ohne ein Standgerichtsverfahren habe Schörner – so lautet die Anklage – im März 1945 die Erschießung des Obergefreiten Walter Arndt angeordnet; ferner habe er, ebenfalls im März 1945, den Festungskommandanten von Neiße, Oberst Sparre, und dessen Stellvertreter, Major Dr. Helmut Jüngling, zur sofortigen Erschießung dem ihm, unterstellten General Henrici überantwortet, der den Befehl Schörners allerdings nicht ausführte.

Schörner, im stahlblauen Zweireiher, sonnengebräunt, lächelte selbstsicher in die Objektive der Fernsehkameras, sobald er Gelegenheit dazu hatte. Vor Gericht versuchte er, als hätte die Zeit stillgestanden, den souveränen Feldmaischall zu spielen. Militärisch knapp schildert er seinen Lebenslauf. Reserveoffizier des ersten Weltkrieges, dann Angehöriger der bayerischen Landespolizei, bei Beginn des zweiten Weltkrieges Oberst und Regimentskommandeur bei den Gebirgsjägern in Mittenwald, 1940 Divisionskommandeur in Lappland, 1944 Befehlshaber der Heeresgruppe Süd-Ukraine, dann der Heeresgruppe Nord und schließlich der Heeresgruppe Mitte. „Ich verließ die Heeresgruppe am 9. Mai 1945, nicht allein wegen der bedingungslosen Kapitulationen, sondern weil ich den Auftrag hatte, die Alpenfront zu übernehmen. Dort sollte der Frontwechsel zum Kampf gegen den Kommunismus vorbereitet werden. Als die vermutete Wendung im Westen jedoch nicht eintrat, stellte ich mich in Tirol den Amerikanern.“

Grausames Spiel