Die verantwortlichen Männer im Bundesernährungsministerium haben es wieder einmal schwer mit dem Getreide. Sie sehen sich gezwungen, Dinge zu tun, die nicht in ihrer agrarpolitischen Linie liegen: gezwungen teils durch das schlechte Erntewetter in einigen Landesteilen, teils durch einen zwar einstimmigen, aber eben nicht sehr weisen Bundestagsbeschluß. Wegen der spätsommerlichen Nässe sind größere Mengen von Weizen und Roggen nur noch als Futtergetreide verwendbar. Wenn auch Teile dieser Bestände von den Bauern im eigenen Betrieb verfüttert werden, so rechnet man doch damit, daß etwa 100 000 t Futterweizen und 50 000 t an ausgewachsenem Roggen "auf den Markt kommen". Diese Mengen gehen an die Einfuhr- und Vorratsstelle (EVSt), da der freie Handel sie aus Preis- und Frachtgründen nicht aus den Schlechtwettergebieten in die Verbrauchsgebiete vermitteln kann. Aber die EVSt sitzt bereits auf allzu hohen Lagerbeständen, die aus Kosten- und Qualitätsgründen vermindert werden müssen ...

Wie kann man nun die Käufer veranlassen, dieses "beschädigte" Getreide – Futterweizen und -roggen – abzunehmen, an Stelle ausländischer Futtergerste? Um diese Inlandwäre (einschl. eines Teiles der Lagerbestände) an den Mann bringen zu können, ohne den Markt durch übermäßige Drosselung der Einfuhren mit entsprechenden Preissteigerungen "aushungern" zu müssen, gibt es – nach Meinung des Ministeriums und auch der interessierten Kreise – nur die Lösung, daß die Futtermittel-Einfuhren mit der Verpflichtung zur Abnahme gewisser Mengen aus den EVSt-Beständen "gekoppelt" werden. So wird der Importeur während dieses Getreidewirtschaftsjahres (bis Mitte 1958) bei jedem Einfuhrgeschäft zusätzlich gewisse Mengen von Futtergetreide aus dem Bestand der EVSt abnehmen müssen ("Koppelungszwang").

Der Beschluß des Bundestages, den Erzeugerpreis für Weizen und Roggen um 10 DM zu erhöhen, hat die Regierung vor die peinliche Alternative gestellt, entweder noch einige hunderttausend Tonnen Roggen mehr in die EVSt übernehmen zu müssen – weil die Bauern bei höherem Roggenpreis den Roggen lieber verkaufen und (billigeres) Futtergetreide kaufen werden – oder den Preis für Futtergetreide (um ungefähr den gleichen Betrag) "anzuheben und die alte Preisrelation wieder herzustellen. Bei der Beratung der Preiserhöhung für Brotgetreide war man im Bundestag (ausgenommen die Abgeordneten der DP) über diese Konsequenz stillschweigend hinweggegangen, um die "schlafenden Hunde" der an einem niedrigen Futtermittelpreis interessierten bäuerlichen Veredlungswirtschaft nicht zu wecken. Es gab dann einen monatelangen Kampf zwischen den Ressorts. Ernährung und Finanz sorgten sich um den Roggenzustrom – für den die Möglichkeiten eines späteren Abflusses selbst mit Staatszuschüssen recht gering sind – mit den dann gewaltig steigenden Lagerkosten; das Wirtschaftsministerium suchte die Veredlungswirtschaft gegen die Verteuerung ihres "Rohstoffs" zu schützen.

Jetzt ist beschlossen worden, daß der Abgabepreis der EVSt für Futtergerste um ungefähr den gleichen Betrag erhöht wird, um den der Brotgetreidepreis vom Parlament "angehoben" worden ist. Das erscheint bedauerlich – zumal klar zu übersehen ist, daß wir im Gemeinsamen Markt unsern Preis für Futtergetreide noch unter den bisherigen Preis werden senken müssen. Niemand macht sich Illusionen darüber, wie schwer es sein wird, einen heraufgesetzten Preis wieder zu senken! Aber: bei den großen Beständen der EVSt, bei dem Zustrom des Futterweizens und in der Erwartung eines gewal-:igen Zuflusses von Roggen aus der Preiserhöhung wußten die Ressorts keinen andern Ausweg, als die Preiserhöhung. Man ist dazu gezwungen, weil das Parlament (entgegen dem Vorschlag des Kabinetts) die Preisrelation zwischen Roggen und Futtergetreide verschoben hat... F. L.