Mit dem Zusammenlegen seines Grundkapitals im Verhältnis 5 : 2 hat der Norddeutsche Lloyd in Bremen endlich klare Verhältnisse geschaffen. Der seit 26 Jahren dividendenlos gebliebene Aktionär weiß nun, woran er ist, denn mit diesem Kapitalschnitt, der ein neues Grundkapital von 18 Mill. DM mit einem geringfügiger der Reserve zuzuführenden Abrundungsbetrag von etwa 100 000 DM ergibt, wird ein Schlußstrich unter einen Zeitraum gezogen, der von Kriegs- und Nachkriegsfolgen entscheidend bestimmt wurde. Die Börse hat bereits die erste Konsequenz aus der veränderten Lage gezogen, denn der Aktienkurs des Norddeutschen Lloyds fiel in wenigen Tagen von 61 auf etwa 52 v. H. zurück. Unter Berücksichtigung des Umstellungsverhältnisses entspricht das einem Kurs von 130 v. H. – auch darin sind noch beträchtliche Zukunftshoffnungen eskomptiert.

Der scharfe Kapitalschnitt konnte kaum überraschen, denn die Reederei hat 99,5 v. H. ihres Vorkriegsvermögens eingebüßt. Unter diesen Umständen ist das Zusammenlegen des Kapitals noch recht günstig ausgefallen; die gute Ertragsentwicklung der letzten Jahre hat hier eine nicht zu unterschätzende Hilfestellung gewährt. Außerdem konnte eine weitere Klärung der Auslandforderungen und -verbindlichkeiten herbeigeführt werden. Das neue Grundkapital des Lloyd, zusammen mit den beiden bedingten Kapitalerhöhungen von 1953 und 1955, beträgt 36,2 Mill. DM.

So schmerzlich dieser Kapitalschnitt ist, so erfreulich ist der bisherige Aufbau. Ende 1956 führten 35 Frachtschiffe mit über 285 000 tdw und das Passagiermotorschiff "Berlin" mit 19 100 BRT die Lloydflagge. Das Reedereiergebnis von 1954 bis 1956 hat sich um 281 v. H. auf 69,71 Mill. DM erhöht. 1955 waren in der konsolidierten Gewinn- und Verlustrechnung vom Norddeutschen Lloyd, Roland-Linie und Orlanda Reederei als Reedereiergebnis nur 41,96 Mill. DM ausgewiesen worden. Die beiden letztgenannten Gesellschaften sind Konstruktionen, die der Norddeutsche Lloyd brauchte, solange seine Verbindlichkeiten gegenüber den USA offen waren. Eine Verschmelzung dieser beiden Gesellschaften mitdem Norddeutschen Lloyd ist in die Wege geleitet.

Das günstige Reedereiergebnis auf Grund des zügigen Ausbaues der Flotte hatte der Norddeutsche Lloyd bitter nötig, denn er hat seit der DM-Eröffnungsbilanz ein hohes Kapitalentwertungskonto vor sich hergeschoben. Dies konnte inzwischen von 37,61 auf 26,90 Mill. DM abgebaut werden, also um rund 10 Mill. DM, die zum Teil aus steuerfreien Gewinnen erwirtschaftet wurden, zum Teil auch aus kleinen Realisationen von Auslandsvermögen stammen. In bezug auf das Auslandvermögen lag der Norddeutsche Lloyd nicht so günstig wie die Hapag, deren Kapitalschnitt wohl auch weniger scharf wird.

Trotz der günstigen Aussichten, die Vorstandsmitglied Dr. Johs. Kulenkampff an Hand des ersten Halbjahres 1957 für das neue Geschäftsjahr eröffnete, liegt der Norddeutsche Lloyd natürlich noch lange auf einem harten Kurs. Der Aufbau der Flotte, die bis 1959 etwa 44 Frachter mit rund 360000 tdw umfassen wird (7 Frachter befinden sich zur Zeit noch im Bau), erfordert bis zur Abwicklung 425 Mill. DM, von denen 165 Mill. DM (gleich 39 v. H.) durch erwirtschaftete Abschreibungen und neu zugeführte Eigenmittel aufgebracht wurden und werden, während 88 Mill. DM (21 v. H.) auf Wiederaufbaudarlehen und 172 Mill. DM (40 v. H.) auf langfristige Kredite mit einer durchschnittlichen Laufzeit von elf Jahren entfallen. Diese Zahlen umreißen die Aufgabe der nächsten Jahre, Eigenkapital und Schulden wieder in ein normales Verhältnis zu bringen. Ende 1938 betrugen die Finanzschulden des Norddeutschen Lloyd 58 Mill. Mark, die eigenen Mittel 80 Mill. Mark. Per Ende 1956 werden die Gesamtfinanzschulden mit 212,11 Mill. DM ausgewiesen. Diese hohe Verschuldung, mit der der Wiederaufbau der Flotte erkauft wurde, wird auch das Tempo des weiteren Flottenausbaus maßgeblich beeinflussen, ebenfalls wird die Quotenaufteilung bei der Ladung Innerhalb der einzelnen internationalen Konferenzen-und die mögliche Ausweitung des Ladungsvolumens mitentscheidend sein.

Natürlich spielt in diesem Zusammenhang auch die gegenüber dem Ausland schlechtere Wettbewerbsposition eine gewisse Rolle. Die wachsende Flaggendiskriminierung bereitet ernste Sorgen und stört den internationalen Linienverkehr; eine weitere Bedrohung ist in der Ausweitung der Tonnage unter den sogenannten "billigen" Flaggen zu sehen. Die Steuervorteile für Reeder, die ihre Schiffe unter diesen Flaggen fahren lassen, sind so groß, daß auf die Dauer eine Konkurrenz unmöglich ist und eine weitere Abwanderung zu diesen Flaggen unvermeidbar erscheint. Für die Zukunft ist schließlich die Entwicklung des Frachtenmarktes mitbestimmend. Zwar ist der Norddeutsche Lloyd eine ausgesprochene Linienreederei, dennoch ist er in Form von Zwischenreisen auch hin und wieder im Trampgeschäft tätig. Zudem bestimmen die Raten für Eisenerz, Getreide und Zucker, die auf Linienschiffen als Basisfracht gefahren werden, sehr wohl über das Ergebnis einer Reise. Für 1957 wird sich allerdings die gegenwärtige Flaute kaum noch bemerkbar machen. Das wird erst im nächsten Jahr der Fall sein.

Die Flotte des Norddeutschen Lloyd und seiner Töchter steht in der zusammengefaßten Bilanz für 1956 in einem Anlagevermögen von 229,99 (1955: 221,52) Mill. DM mit 196,89 (169,62) Mill. DM zu Buch. Das ergibt je Tonne Tragfähigkeit einen Buchwelt von 690 DM gegenüber einem Anschaffungswert von 1100 DM je tdw. Der Buchwert stellt sich mithin per 31. 12. 1956 auf rund 63 v. H. des Anschaffungswertes oder, bezogen auf den gegenwärtigen Wiederbeschaffungswert, der’sich mit ungefähr 1400 DM je tdw veranschlagen läßt, auf rund 50 v. H. Vor dem Kriege stand die Lloyd-Tonne mit 270 Mark zu Buch; Genau so eklatant wie diese Differenz ist die des Buchwertes der Lloyd-Tonne jetzt im Vergleich mit dem Ausland. Sie liegt noch immer um das Fünf- bis Sechsfache über dem Wert per tdw bei den ausländischen Linienreedereien. Die erfolgten Sonderabschreibungen, die der Norddeutsche Lloyd und seine Töchter von 1953 bis 1956 mit rund 71,7 Mill. DM angeben, haben also nur einen kleinen Beitrag für eine Annäherung der deutschen an die ausländischen Buchwerte geleistet, überflüssig, festzustellen, daß die hohen deutschen Buchwerte und die darin zum Ausdruck kommenden erhöhten Zins- und Kapitaltilgungsverpflichtungen eine starke wettbewerbsmäßige Vorbelastung gegenüber dem Ausland sind, da sie die künftige Ertragskraft, vor allem in schlechten Jahren, stark beeinträchtigen.

Anläßlich der Bilanzbesprechung nahm Kulenkampff zum weiteren Flottenausbau, insbesondere zur Verstärkung der Passagierschiffahrt Stellung. Er erklärte, daß die Tonnagennachfrage vom Norddeutschen Lloyd im wesentlichen gedeckt werden konnte; der weitere Flottenausbau werde in Übereinstimmung mit der Entwicklung des Ladungsaufkommens erfolgen. Hinsichtlich der Baumöglichkeiten bestehen bei der Bremer Reederei keinerlei Sorgen, und zwar auf Grund des engen Verhältnisses zum Bremer Vulkan, der bisher 75 v. H. der dritten Lloyd-Flotte erstellte. Die Indienststellung der aus Frankreich angekauften "Pasteur" unter dem Namen "Bremen" wird sich möglicherweise bis in die Saison 1959 hinein verzögern. Über den weiteren Einsatz der "Berlin" ist noch nicht entschieden. Es ist denkbar, daß dieses Schiff dann im Kanadaverkehr fahren wird. Sml.