Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte. Der lachende Dritte in dem Krach über die erhöhten Kohlenpreise, den Bundeswirtschaftsminister Prof. Erhard mit dem Ruhrbergbau und der Montan-Union veranstaltet, ist zweifellos die westdeutsche Mineralöl-Industrie. Und sie kann sich auch vergnügt die Hände reiben, weil ihr Heizöl jetzt der Kohle buchstäblich den Rang abläuft.

Heizöl ist an verschiedenen Plätzen der Bundesrepublik nach der jüngsten Kohlenpreiserhöhung billiger als Ruhrkohle und – beispielsweise in Hamburg – sogar billiger als US-Kohle. Es steht also außer Frage, daß die Preiserhöhungsaktion der Ruhr die Situation des Heizöls ungewollt verbessert und das Heizöl damit zu einem noch schärferen Konkurrenten der Kohle gemacht hat. Offensichtlich hat die westdeutsche Mineralöl-Industrie diese Entwicklung schon vor Jahr und Tag richtig abgeschätzt, so sagte der Vorstandsvorsitzer der Hamburger Esso AG. Gerhard Geyer, dieser Tage vor der Presse, daß die Kohle allein schon durch das Steigen des Energieverbrauchs ihre einstige Monopolstellung verlieren mußte und das Erdöl sich auf diesen Zeitpunkt eingestellt habe, um der anziehenden Nachfrage nach Heizöl Rechnung tragen zu können. Heute ist die westdeutsche Mineralöl-Industrie in der Lage, der ständig wachsenden Verbraucherschaft im Volumen und auch im Preis günstige Angebote zu machen, zumal die Kohle sich jetzt endlich den Gesetzen der freien Wirtschaft stellen muß.

Beachtenswert war der Hinweis von Geyer auf das erhebliche einsteigen der Rohölproduktion in Venezuela, eine Entwicklung, die den Wettbewerb am europäischen Markt vor allem deshalb verschärfen dürfte, weil künftig der Nahe Osten nicht mehr allein für Westeuropas Ölversorgung maßgebend sein wird. In zwei Jahren, so prophezeite Geyer, wird der gesamte westdeutsche Heizölbedarf (heute muß er zu einem großen Teil noch durch Importe gedeckt werden) aus der Rohölverarbeitung in der Bundesrepublik bestritten werden. Für 1960 schätzt die Esso AG einen Heizölabsatz von 11 Mill. t. Das ist ein beträchtlicher Sprung, denn noch 1954 wurden in der Bundesrepublik davon nur 1,2 Mill. t verbraucht, und für 1965 wird sogar ein Heizölverbrauch von 18 Mill. t erwartet. Bis zu diesem Zeitpunkt dürfte dann der Kohleanteil an unserem Energieverbrauch um 8 v. H. zurückgegangen sein. Das heißt also: Der Anteil der Kohle an der Energieversorgung wird immer geringer. Bereits 1956 stellte die westdeutsche Steinkohle nur 60 v. H., 1965 werden es höchstens noch 52 v. H. sein. Das ist kein Wunder, wenn die Preise für Heizöl und US-Kohle sinken, während die westdeutschen Kohlenpreise steigen... ww