Von Josef Müller-Marein

Das Ding piepst. Es rast in 900 Kilometer Höhe rund um die Erde und stößt Pieptöne aus. Es benötigt nur eine Stunde und sechsunddreißig Minuten – schon ist es einmal rund um die Welt gefahren. Es liebt, wie der Satelliten-Fahrplan des Radio Moskau vermuten läßt, die großen Städte: "Sechs Minuten nach Zehn über Paris, neun Minuten nach Zehn über Rom..." Es piepst dank seiner Sender-Anlage über Berlin, Hamburg, Mukden, Hiroshima, Budapest, Belgrad, Kairo. Und weil es sich in Spiralen bewegt, piepst es auch über New York, über Washington, über ganz Amerika. Es fährt mit einer Geschwindigkeit von 28 800 Kilometern je Stunde auf einer Bahn dahin, auf der es durch die Fliehkraft und durch die Erdanziehungskraft in der Schwebe gehalten wird. Es hat im Gefolge den "Kopf" jener letzten Stufenrakete, die das Ding in diese genau berechnete Höhe hinaufbeförderte, und dies scheint das einzig Unprogrammgemäße an der Sache zu sein. Aber der Clown folgt dem Helden in manchem Stück, von dem die Zuschauer erst nach der großen Pause wissen, ob es ein erhebendes Schauspiel oder eine Tragödie ist. Einmal – vielleicht heute, vielleicht morgen, vielleicht über eine Woche oder über einen Monat – wird sowohl der Satellit als auch dessen außerplanmäßiger Satellit verbrennen, verglimmen, zerstäuben; es wird wieder still im Weltraum sein. Aber das "piep, piep, piep", das alle Zeitungen so nimmermüde und sorgfältig registriert haben, wird uns allen noch lange in den Öhren klingen.

Jawohl, die Russen, denen es gelang, einen Menschheitstraum zu verwirklichen und die ihren am Himmel leuchtenden Sieg mit sehr irdischen Propaganda-Reden begleiten, in denen sie prahlen, daß "nur den Sowjetmenschen" und "nur den Vertretern der sozialistischen Ordnung" solche Leistungen möglich sei, sie sind den Amerikanern zuvorgekommen. Während die Amerikaner noch an ihren Raketen basteln, haben die Sowjets – weit erfolgreicher als sie – ihnen "ein Schnippchen geschlagen" und ihnen gezeigt, "was eine Harke ist." Und da stehen wir nun. Und während das Piepsen des allgegenwärtigen künstlichen "Sowjetmondes" uns nicht aus den Ohren will, geben wir unsererseits Erklärungen ab.

Die Gelehrten in aller westlichen Welt, ob amerikanisch, britisch, deutsch, gratulieren fein, und ihre Worte klingen aus reinem Herzei. Hat doch die Wissenschaft gesiegt! Und welche Geräusche auch eines Tages das harmlose "piep, piep" ersetzen mögen – nun, hätten etwa jene anderen großen Männer, die in ihren Laboratorien das Atomzeitalter heraufführten, ahnen können, daß die neue Kraft, die doch so segensreich sein kann wie alle Kräfte, ausgerechnet ineiner Bombe Premiere feiern würde? Umwälzungen – und das Erscheinen des Erdsatelliten ist ein umwälzendes Ereignis – vollziehen sich nach ihren Gesetzen, wenn die Zeit reif ist; und die Gelehrten sind ebenso, wie sie die Herrin der neuen Errungenschaften sind, auch ihre Diener. Kompliment also den russischen Forschen und Ingenieuren, denen das "Geophysikalische Jahr", das internationale, das friedliche, zuerst günstig war.

Militärs in westlicher Welt erklären: Keine militärische Bedeutung. Aber andere erklären auch, die militärische Zukunftsbedeutung sei sehr groß. Zwar würde, der erste Satellit, dessen Apparate nur begabt sind, wissenschaftliche. Messungen vorzunehmen und sie erdenwärts zu funken, verschwinden und vergehen, aber die Nachfolger-Satelliten würden womöglich photographieren können: Allerweltsspione, deren keine Abwehrorganisationen mehr habhaft werden kann. Darum fürchtet die Metall-Monde, die nicht von eigenen Raketen emporgeschossen werden ...

Politiker in westlicher Welt nehmen den Erdsatelliten zum Anlaß, das zu sagen, was sie schon immer sagten. Die Sentimentalen machen Mienen, sich den im Weltraum pfeifenden roten Stern als Koexistenz-Kokarde an die Brust zu heften. Die anderen, die zu dramatischen Äußerungen neigen, verkünden den Weltuntergang, an dem natürlich die Parteigegner schuld sind. Und die Politiker mit den diplomatischen Allüren sagen, sobald sie sich von ihrer Verblüffung ein wenig erholt haben: "Wir sind nicht im geringsten überrascht ..."

Aber am leichtesten machen es sich jene deutschen Zeitgenossen, denen beim ersten Piepton aus dem Äther gewisse Ressentiments wie Blasen aus dem Unterbewußtsein heraufstiegen. Sie lauschen mit geneigtem Ohr den Worten eines amerikanischen Senators, der meinte, man hätte gleich nach dem Kriege noch mehr deutsche Forscher nach Amerika "einladen" – sprich: verladen – sollen; denn gerade in solchen "Ein"- oder "Ver"-ladungen sind ja die Sowjets überaus großzügig gewesen. Mit anderen Worten: Da ist’s heraus, daß der Satellit, wenn er auch auf Russisch Sputnik heißt und pünktlich zur 40-Jahr-Feier der Oktoberrevolution am Himmel erschien, doch eigentlich eine Erfindung – wessen ist...? Nun, sagt nicht ein altes russisches Sprichwort: "Der Deutsche hat den Affen erfunden?" So wird der Deutsche wohl auch diese "Affen" erfunden haben. Ist es aber so – und es ist möglich, daß der deutsche Anteil an dieser russischen Leistung ziemlich groß ist –, dann ist dieser Sieg der Sowjets doch wieder einmal ein deutscher Sieg. Schon hört sich das himmlische Piepsen viel melodischer an. Und daß die Amerikaner dabei hereingefallen sind – nun, hätte ihr Mond das Rennen geschafft, es wäre auch in diesem Falle ein deutscher Mond gewesen. Doch wie die Dinge liegen – warum nicht schadenfroh sein gegenüber den Amerikanern, wo doch auch anderswo in Westeuropa schadenfrohe Stimmen klingen...