Dd., Aschaffenburg

Um hundertdreißig Jahre hat das "Wirtshaus im Spessart" den schwäbischen Dichter Wilhelm Hauff überlebt, der es zwar unsterblich machte, der ihm aber – weil er halt ein romantischer Poet war – nur einen Platz in der Phantasie seiner jugendlichen und erwachsenen Leser sichern konnte, nicht aber einen Ehrenplatz auf der Landkarte. Um es anders zu sagen: die Leut wisse halt nit, daß es das Wirtshaus im Spessart wirklich gibt. Im Gegensatz zu dem berühmten Lied "Es steht ein Baum im Odenwald", aus den ja nicht geschlossen werden darf, daß dort nur ein Baum steht, ist der Buchtitel "Das Wirtshaus im Spessart" ganz wörtlich aufzufassen. Es gibt wirklich mir ein Wirtshaus in diesem größten geschlossenen Waldgebiet der Bundesrepublik. Wer von der Frankfurter Gegend nach Würzburg und Nürnberg unterwegs ist und seinen Wagen zehn Kilometer hinter Aschaffenburg auf vielen Kehren in die Einsamkeit der Wälder hinaufzieht, der sieht eine halbe Stunde lang kein Dorf, kein Gehöft, keine Tankstelle, sondern nur jene eine Häusergruppe auf der Höhe: das Spessart-Wirtshaus.

Dieses Wirtshaus soll der Spitzhacke zum Opfer fallen. Es soll der Autobahn-Trasse Frankfurt–Würzburg weichen.

Es sind bisher kaum irgendwo historische Gebäude, kaum irgendwo Gaststätten dem Autobahnbau geopfert worden. Selbst im dicht besiedelten Ruhrgebiet, selbst im fast schwierig aufzuschließenden Rhein-Main-Gebiet haben es die Autobahn-Planer vermieden, solche Opfer zu fordern. Und ausgerechnet im Spessart, wo weit und breit kein Haus steht, sollte es nicht möglich sein, die Autobahn hundert Meter nördlich oder südlich zu verlegen? Das erscheint doch wohl nicht recht verständlich. Zumal heute die Autobahnen nicht mehr wie ehedem möglichst schnurgerade verlaufen sollen, sondern – um Übermüdung bei den Fahrern zu vermeiden – in sanften Kurven. Warum kann sich das Asphaltband nicht in sanfter Kurve um das Spessart-Wirtshaus herumschwingen?

Vielleicht hat sich das Autobahn-Bauamt mit dem Spessart-Wirt inzwischen über die Entschädigung geeinigt. Vielleicht ist also niemand da, der noch ein Rechtsmittel einlegen kann. Das wäre traurig. Denn das "Wirtshaus im Spessart" gehört – seit Hauff – eigentlich uns allen, sicherlich aber allen, die das Frankenland und den Spessart lieben.

So nehmen wir also Abschied vom "Wirtshaus im Spessart", Abschied unter Protest. Vielleicht ist für diesen Protest der Bundeskultusminister zuständig, den es nicht gibt. Der bayrische Kultusminister, der vielleicht unseren Hilferuf hören könnte, sitzt in München. Und von München bis an die bayerische Landesgrenze hinter dem Spessart ist es weit, sehr weit.