Ende der zwanziger Jahre erschien in einem kleinen Wiener Verlag ein Buch, dessen Titel so seltsam war wie die Dinge, die darin geschahen. "Der Gaulschreck im Rosennetz" hieß es, und sein Verfasser nannte sich Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Da war vom guten Kaiser Franz du Rede und von der Witwe Schosulan, die vormals Kammerfrau bei der Kaiserin Maria Theresia gewesen und seither noch einen Leibstuhl von höchstderselben in Gewahrsam hielt, auf dem ein Glockenspiel "Die Eroberung von Pampeluna’ spielte, sobald man sich darauf setzte. Da marschierte der von Pratzentanz auf den Händen von Graz nach Wien und inspirierte dadurch Franz Schubert zu seinem Lied "Der Wanderer". Da hörte man von Obersthoflöschhornputzern und wirklichen geheimen Hofzwergen des Ruhestandes und vor allem immer vom kaiserlichen Hoftrommel depot, in dem diese erstaunliche Geschichte spielte zahn der Höllteufel verstrickt ihn in lauter unschickliche Abenteuer, die seiner Hofbeamtenkarriere ein jähes Ende setzen. Schließlich lädt er seine Pistole mit den 24 Milchzähnen und jagt sie sich in den Kopf.

Herzmanovskys Welt – das ist ein barockes Super-Österreich, in dem die Schnörkel sich selber ad absurdum führen. Da hören wir von ganzen Dynastien von Hofzwergen, deren einer die tschechische Sprache erfunden haben soll, um einen melancholischen Habsburger-Prinzen zu erheitern, wogegen ein anderer von August dem Starken während einer Serenade im Dunkeln bedauerlicherweise zertreten worden ist. Wir lesen von einer Wallfahrt des gesamten österreichischen Hochadels nach Mariazell und von dem Gerücht, daß keiner, der damals gefehlt hat, seither Minister geworden ist. Wir hören von einer kaiserlichen Delegation nach Kalikuta, die wieder umkehren mußte, weil sie den Weg nicht gefunden hatte, und von der Stadt Scheibbs, die den Kaiser bittet, er möge ihr einen zweiten Donnerstag in der Woche gewähren.

Man sieht: dieser barocke Humor trägt surrealistische Züge. Und ein solcher k. k. Surrealismus manifestiert sich auch in Herzmanovskys skurrilen Zeichnungen, deren etliche den Band schmücken. Und weil vielleicht in jedem Österreicher ein kleines Stück Gaulschreck steckt, bedeutet der Roman mehr als ein Kuriosum.

Der alte Herr, der äußerlich ein wenig an Kubin gemahnte, ähnelt ihm auch in seiner künstlerischen Substanz. Vielleicht ist diese ungemein geschlossene und dichte Satire sogar ein Stück Weltliteratur oder wird es zumindest einmal werden. Die Satire ist in der deutschen Sprache kümmerlich bedacht Hier ist ein wahres Meisterwerk dieses Genres, und man hat allen Grund, das Wiedererstehen des Gaulschrecks zu begrüßen. Otto F. Beer