Von Günther Heysing

Auf dem Blatt zur „Orientierung für Besucher der Herbstübungen der 3. Panzer-Division “war der „Parkplatz hart nördlich der Drehbrücke über den Nord-Ostseekanal in Rendsburg“ angegeben. Als ich dort als Nachzügler eintraf, fand ich mich allein. „Die Bundeswehr ist in Richtung Schleswig abgerückt“, so gab man mir Bescheid.

Wenn man eine Stadt nach langen Jahren wiedersieht, dämmern frühere Erlebnisse auf, die man in ihren Mauern hatte. Hier, an der Rendsburger Drehbrücke, war noch in den ersten Maitagen 1945 eine der scharfen Kontrollen von Feldgendarmen und Offizieren mit Sondervollmachten, die ihre Befehle immer noch wichtig nahmen, obwohl der Krieg aus und vorbei war. Da waren wir denn – von Jabos gehetzt – auf der deckungslosen, geraden Chausee von Neumünster her an ungezählten ungebrannten Autowracks vorbei hierhergekommen.

Aber was hat das alles mit den Herbstübungen der Bundeswehr zu tun, den ersten Manövern deutscher Soldaten, die hier im Holsteinischen nach achtzehn Jahren wieder abgehalten werden? Nun, man sucht das andere Ende, an dem vor zwölf Jahren der Weg plötzlich aufhörte; man sucht eine Brücke! Erste Schritte sind immer etwas unsicher.

Hier ist die Brücke, und hier ist das, was wir vor zwölf Jahren an dieser Stelle gern gesehen hätten: ein Taxi...

„Haben Sie die Bundeswehr gesehen?“ frage ich den Fahrer. – „Ja, gewiß. Eine Menge Panzer und Autos!“ –

„Hinterdrein!“ Das Taxi windet sich durch die engen Gassen der alten Festung an der Eider, prasselt über den nassen Asphalt der Fernverkehrsstraße, holpert auf gewundenen Landwegen, gesäumt von Erdwällen, mit Haselnuß-, Buchen- und Erlenhecken bestanden. „Knick“ ist der Fachausdruck für diese Einfriedigungen, die alle Felder und Weiden umzäunen.

Hin und wieder unterbricht ein Gatter die grünen Wände. Das geht so eine gute Strecke. Plötzlich quietschen die Bremsen: Zwei helle Flecke in der Buschwand – Gesichter. – „Parole!“ – Aha, wir sind richtig!

Woher soll ich die Parole wissen? „Ihre Kommandeure“, sage ich verbindlich und zivilistisch, wie es sich gehört, „nämlich General Hax und Konteradmiral Rogge, haben mich herzlich eingeladen, an Ihrer Herbstübung teilzunehmen“, und zeige dabei eine DIN A 6-Karte aus weißem Karton, auf der tatsächlich steht: „... finden im Wehrbereich I die ersten Herbstübungen der Bundeswehr statt. Hierzu werden Sie herzlich eingeladen ...“ Dazu persönliche Unterschriften des, Generalmajors und des Konteradmirals.

In einem Dorfgasthaus lande ich schließlich. In der Schankstube sitzen, dicht gedrängt, junge Bundeswehrsoldaten, die Gewehre zwischen den Knien. Ein grünfleckiges Gewoge von Tarnanzügen, dazwischen frische, helle Gesichter. Dann spüre ich, wie etwas längst Vergessenes, aber gleich wieder Vertrautes, den Geruch von nassem Zeltbahnstoff, Leder, Waffenöl und Zigarettenqualm. Im kleinen Tanzsaal stehen Offiziere und Feldwebel in ihren Tarnanzügen und gleichen grünen Bären. Von den Jungen in der Schankstube unterscheiden sie sich nur durch das Lebensalter und – wenn man sie genau betrachtet – kaum bemerkbare Dienstgradabzeichen.

Wie lang, wie „intensiv“ war ich einst selbst Soldat. Diesmal aber werde ich als Fremdkörper empfunden. Man will mich wieder loswerden; das ist sehr deutlich, trotz aller Höflichkeit. Man ist recht nett und – recht reserviert. „Bitte, nehmen Sie doch Platz!“ Als ich mich setze, verschwinden Karten und Befehlsschreiben vom Tisch, als ob man mir dessen ganze Fläche zur Verfügung stellen will. Journalisten und Bundeswehr! Es war bisher nicht das beste Verhältnis zwischen ihnen ...

Ein Major beginnt ein behutsames Gespräch. Aber ich finde eine Frage: „Kennen wir uns nicht vom Krieg her?“ Sofort ist der erste Brückenpfeiler zwischen uns eingerammt. Das ist auch nötig, denn ich fühle mich fremd hier.

Am Wolchow war er, sagt der Major. O ja, da weiß ich gut Bescheid: Tschudowo, Kirischi. Höhe Swanka, Grusino – ADW. Mit diesen Ortsnamen russischer Nester ramme ich den zweiten Brückenpfeiler ein. Es fehlt nicht viel, und wir sind vertraut miteinander. Immerhin wird mir schon der Unterschied zwischen der neuen Übungsmunition und unseren alten, rotköpfigen Platzpatronen erklärt, und ich darf eins der kleinen Gewehre in der Hand wiegen.

Bevor wir die Brücke zwischen uns fertigzimmern können, wird gemeldet, daß draußen ein Melder mit einem VW für meinen Weitertransport zum nächsthöheren Stab – zur „Kampfgruppe“ – bereitsteht. Wenn das so weitergeht, werde ich im sterilen Besucherzentrum landen, wohin es mich nicht zieht. Denn ich will ja nicht die anderer Zivilisten sehen, wie sie dastehen und sich informieren lassen. Ich will mit diesen jungen Soldaten, die in ihren grünen Tarnanzügen aussehen wie die Grasteufel, zusammenbleiben. Ich will registrieren, wie die Bevölkerung die Truppe aufnimmt, wie Offiziere und Mannschaften miteinander verkehren, wie die jungen Soldaten mitmachen. Ich will diese Übung miterleben, deren Höhepunkt auf dem vorgedruckten Orientierungsblatt der Bau einer Kriegsbrücke über die Schlei bei Missunde ist. Eine Brücke, eine Brücke, wie der Clown Carlie Rivels jubelte...

Die Fahrt führt zur Kampfgruppe. Vertrautes Milieu eines Führungsstabes. Unter hohen Bäumen eines Dorfplatzes die dunklen Silhouetten hochbeiniger Kraftfahrzeuge. In einigen schimmert abgeschirmtes Licht. Funker an der Arbeit. Ein Unteroffizier wird mit lauter Stimme irgendwo aus dem Dunkel herbeigerufen. Ein Posten stiefelt seine Runde ab. Im größten Haus am Platze klappt ständig die Eingangstür und entläßt Schatten, Stimmen, Schritte und Tabakswolken.

Durch diese Tür muß ich hinein – und stehe in einem Raum, der voller Offiziere und Soldaten ist. Die Kragenspiegel in allen Farbtönen deuten auf das Zusammenspiel der verschiedenen Truppengattungen. Weiße, gelbe, blaue, grüne Armbinden und Mützenbänder markieren Schiedsrichter. (Auch die Flurschadensachverständigen sind eingetroffen.)

Ich suche mir in der Ecke eines alten Plüschsofas einen Platz, um bei dem geschäftigen Betrieb nicht im Wege zu stehen und finde mit meinem Nachbarn – einem Hauptmann, der, wie viele andere Ausbildungsoffiziere, als Beobachter einer Truppenschule die Übungen miterlebt – bald Kontakt.

Ich notiere: „Bezeichnung Kampfgruppe ist jedem alten Feldsoldaten geläufig. Aber während sie im Kriege nur eine zu besonderer Gelegenheit zusammengestellte Einheit war, ist die Kampfgruppe bei der Bundeswehr zum festen taktischen Begriff geworden. Sie führt ihr Eigenleben und hat etwa im Rahmen einer Division die Bedeutung, die früher ein .verstärktes Regiment’ besaß. Sie ist also eine selbständig operierende Kampfeinheit, die sich – je nach eigenem Auftrag, nach Feindlage oder Gelände – in ihrer Zusammensetzung ändert. Diese Aufgliederung wurde notwendig, als man die Auswirkung von atomaren Waffen in Rechnung stellen mußte. Die Nachrüstung der Bundesrepublik nach zwölfjähriger Pause bietet die Möglichkeit, viele moderne Erkenntnisse gleich beim Aufbau zu berücksichtigen, was bei anderen Streitkräften erst durch eine mühsame Prozedur der Umrüstung erreicht werden kann. Der Zweck der Herbstübungen 1957 ist die praktische Erprobung des Befehls- und Fernmeldeapparates solcher Kampfgruppen, ihre Führung, Sicherung und Versorgung auf Tag- und Nachtmärschen ...“

Wie die Lösung dieser Übungsaufgaben bei der Truppe abrollt, erlebe ich noch in der gleichen Nacht bei einem Panzerbataillon. Während die Kampfwagen im Dunkeln aufgetankt werden, während die Verpflegungsausgabe reibungslos „klappt“, sind die Kompanieführer zu Befehlsempfang und „Einsatzbesprechung“ um den Kommandeur versammelt.

Eine Unterbrechung im militärischen Betrieb tritt allerdings ein, als aus den strahlend hell erleuchteten Räumen der Waldgaststätte „Baumgarten“, in welcher der Stab des Panzerbataillons für kurze Stunden am Fuße der Hüttener Berge untergezogen ist, eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft einen Ausfall startet und in die Kommandeurbesprechung hineinplatzt. Brautpaar, Eltern von Braut und Bräutigam, alle Gäste laden alle erreichbaren Soldaten ohne Rücksicht auf den Dienstgrad zum Mitfeiern ein... Zwischen den Soldaten in ihren grünen Tarnanzügen die hellen Ballkleider der Damen und die dunklen Feiertagsanzüge der Herren.

Als der Panzerkommandeur für seine Person mit großem Bedauern ablehnen muß, werden dampfende Kaffeekannen und Teller mit Kuchen herbeigeschleppt: Die Melder, Schreiber und Nachrichtensoldaten werden so lange mit Erdbeerbowle traktiert, wie es die Dienstbereitschaft gerade noch zuläßt, und mancher von ihnen verzichtet auf das knappe Stündchen Schlaf und legt mit den Hochzeitsdamen eine geriffelte Gummisohle aufs Parkett.

Um vier Uhr früh ist die Landstraße kilometerlang ein einziges brausendes Dröhnen warmlaufender Motoren. Eine lange Schlange von Panzern, 10,5-cm-Geschützen auf gepanzerten Kettenfahrzeugen, Lastwagen, Mannschaftsfahrzeugen, Jeeps, Volkswagen, setzt sich in Bewegung.

Die Marschkolonne marschiert zügig, eine Straßenseite bleibt frei. In den Kurven glüht vor uns die Kette roter Rücklichter, hinter uns funkeln die schmalen Schlitze der Tarnscheinwerfer. Man merkt sofort, welch großer Wert auf die Fahrdisziplin gelegt wird. Dabei hat ein Teil der jungen Panzerfahrer erst vor zwei Wochen den Panzerführerschein erhalten. Auch als die Marschkolonne von der breiten Landstraße abbiegt und nun auf den vielfach geschlungenen Land- und Heidewegen rollt, bleibt das flotte Marschtempo ohne Stockung gewahrt.

Bei der gesamten Übung, die über eine Woche dauerte, ist es trotz Märschen von elf Stunden Dauer bei Dunkelheit, Regen und Nebel zu keinem Unfall gekommen. Von den Hunderten von Radfahrzeugen ist kein einziges ausgefallen. Bei der Wehrmacht mußte man noch 20 v. H. Ausfälle bei solch anhaltenden Marschbewegungen einkalkulieren. Ein gutes Zeugnis für die Fahrkunst der jungen Soldaten, für die Konstruktion der Kraftfahrzeuge aus deutscher Fertigung und für die Güte der Motoren und Laufwerke der amerikanischen Panzerfahrzeuge.

Und noch etwas muß registriert werden: Die „Rassereinheit“ der Kraftfahrzeugtypen, auf wenige Modelle beschränkt, unterscheidet sich wohltuend von der Ausrüstung der Wehrmacht, in der eine Unzahl verschiedener Fabrikate oft innerhalb einer Kompanie gefahren werden mußte, was oft zu fast unlösbaren Reparatur- und Ersatzteilschwierigkeiten führte.

Alle diese Angaben sind keine militärischen Geheimnisse, sondern die leicht erkennbare, konsequente Nutzanwendung bitterer Kriegserfahrungen. Auch hier gelang also ein Brückenschlag unter Verwendung alter noch verwendbarer Unterlagen in die neue Zeit vollmotorisierter Streitkräfte. Und das werden auch jene überaus neugierigen drei Manöverbesucher vermerkt haben, deren Herumkurven in einem alten Opel – mit rotem Nummernschild und einem Hammer-und-Sichel-Symbol als sowjetische Militärmission gekennzeichnet – immer wieder auffiel.

Im Morgengrauen steht die Kampfgruppe vor der Schlei ostwärts Schleswig bei dem Ort Missunde. Hier haben die Panzerpioniere an der schmälsten Stelle eine 125 Meter lange, 60 Tonnen tragende amerikanische Schlauchbootbrücke geschaffen. Obwohl das Gerät erst drei Wochen vorher angeliefert wurde und obwohl es der Truppe noch fremd war, dauerte der Aufbau – einschließlich der Vorbrücken über Sumpfboden – nur insgesamt acht Stunden, das Einfahren der einzelnen Brückenteile dreißig Minuten.

Die Manöverlage sieht den Übergang der Panzer und Panzerartillerie über den Strom in einen Brückenkopf auf dem jenseitigen Ufer vor, der von den Panzergrenadieren geschaffen wurde. Der Übergang bei Missunde – bei dem jetzt die Kampfwagen wie dicke Käfer über die Schlauchbootbrücke brummen – ist der Höhepunkt der Übung der 3. Panzer-Division. Die jungen Bundeswehrsoldaten bewegen sich hier auf historischem Boden, der auf alten Karten mit zwei gekreuzten Schwertern versehen ist, um anzudeuten, daß bei Missunde eine kriegerische Entscheidung fiel. Es war am 23. April 1848: Kontingente der deutschen Bundesarmee und Schleswig-Holsteiner kämpften unter Wrangel gegen die dänische Armee – zum erstenmal übrigens auch die preußischen Bataillone mit schwarzrotgoldener Kokarde. Dabei wurde hier bei Missunde gegen den heftigen Widerstand des Übergang Oberstleutnants von Haxthausen der Übergang erzwungen.

Ganz anders dann im Jahre 1850: Jetzt hatten die Dänen den neuralgischen Punkt an der schmälsten Stelle der Schlei mit Schanzen gesichert. Als am 12. September 1850 die Schleswig-Holsteiner unter dem „ausgeborgten“ preußischen General von Willisen wieder bei Missunde den Übergang erzwingen wollten, kamen sie zu keinem Erfolg.

Und vierzehn Jahre später – am 2. Februar 1864 – schafften es die Preußen trotz heftiger Kanonade nicht, die Dänen vom nördlichen Steilufer der Schlei zu vertreiben und überzusetzen.

Vom gleichen Steilhang aus betrachten an diesem diesigen Frühmorgen – rund hundert Jahre nach jenen Kämpfen – unter den zahlreichen Gästen der Herbstübung der Bundeswehr auch dänische Offiziere den Schleiübergang, denn die Streitkräfte unserer nördlichen Nachbarn sind heute die Bundesbrüder der deutschen Soldaten im Rahmen der NATO.

In der Menge der interessierten Beobachter und Besucher an der Brücke erkenne ich auch amerikanische Offiziere, die offenbar die Verwendung ihrer Panzerfahrzeuge und Brückenbaugeräte durch die Bundeswehr begutachten. Und ich muß daran denken, daß von den preußischen Offizieren, die 1848/1850 in die schleswig-holsteinische Armee übertraten, später eine besonders große Anzahl nach Amerika auswanderte, die dort beim Aufbau der US Army eine entscheidende Rolle spielten. Ihre Nachfahren dienen nun wiederum als Lehrmeister der Bundeswehr, vor allem in vielen technischen Fragen.

Nehmt’s praktisch, nehmt’s symbolisch: Die ersten Brücken sind bei diesen Bundeswehrmanövern geschlagen worden und haben sich als tragfähig erwiesen.