Die diesjährige Leichtathletik-Saison wurde am vergangenen Sonntag mit einem von niemand erwarteten 122:90 Erfolg der deutschen Sportler über Ungarn gekrönt. Vor einem Jahr noch hätte die Bundesrepublik gegen die ungarischen Weltrekordler keine echte Chance, gehabt, aber die Oktoberrevolution und der darauf folgende Ausverkauf im ungarischen Sport hinterließen schwer zu überbrückende Lücken. Am schwersten wiegt freilich, daß die ungarischen Athleten unter Kádár keine staatliche Unterstützung mehr erhalten und nun zum ersten Male als richtige Amateure ins Nep-Stadion liefen.

Aber nicht nur in der schwachen Verfassung der Budapester Gastgeber liegt der schöne deutsche Erfolg begründet – vielmehr in der großartigen Form einiger unserer Spitzenathleten. Seit Monaten schon läuft Europas Sprinterkönig Manfred Germar (Köln) allen Rivalen – auch dem amerikanischen Weltrekordmann Williams – auf den kurzen Sprintstrecken auf und davon. Deutschland hatte nie vorher – die Vorkriegsmeister Mellerowicz und Mladek waren um eine halbe Sekunde langsamer – so schnelle Männer auf der Aschenbahn, wie in den letzten Jahren mit Heinz Fütterer und Manfred Germar. Aber auch die längeren Sprintstrecken sind dank des immer verläßlichen Nürnbergers Karl Friedrich Haas ein sicherer Gewinn für unsere Mannschaft geworden. Erfreulich sind auch die Leistungen von Manfred Lauer und Heinz Laufer. Herbert Schade, schon 1952 in Helsinki dabei, erreichte über 10 000 Meter Zeiten, die nahe an seinem eigenen Rekord liegen.

Dabei hatte der Sommer für unsere Leichtathleten wenig erfreulich begonnen. Gegen die Polen setzte es in Stuttgart eine 103:117 Niederlage und gegen Finnland verloren wir mit einem Punkt Unterschied. Aber dann folgte eine großartige Siegesserie: Schweden, Frankreich, Tschechoslowakei, England und nun auch Ungarn wurden eindeutig besiegt, und damit hielt die Bundesrepublik ihren dritten Platz in der europäischen Rangfolge.

Es gab mehrere neue deutsche Rekorde in dieser Saison: Hermann Lingnau (Hannover) erreichte ihn im Kugelstoßen, Bahr im Hochsprung und der ASV Köln in der 4×100-Meter-Staffel. Trotzdem ist die deutsche Mannschaft noch zu unausgeglichen in den technischen Disziplinen, wie Diskus- und Hammerwerfen und Stabhochspringen. Unseren Athleten fehlt in den Jahren zwischen den Olympischen Spielen der Kontakt und sportliche Wettkampf mit den großen Leichtathletiknationen der Welt, mit Russen, Amerikanern und Australiern. Was nützt es Manfred Germar, wenn er seine Kurzstrecken bei Länderkämpfen ohne jene harte, den letzten Einsatz fordernde Konkurrenz läuft, wie sie in den Vereinigten Staaten zu jedem Wettkampf gehört.

Wie stark Deutschland wirklich in der Leichtathletik sein könnte, kommt einem immer dann hart zum Bewußtsein, wenn aus dem anderen Teil hinter dem Eisernen Vorhang wieder ein neuer deutscher Rekord gemeldet wird. Herbert Schade wurde, als deutscher Langstreckenrekordhalter am vergangenen Wochenende bei dem Leichtathletikkampf Tschechoslowakei gegen Sowjetzone in Brünn vom Ostberliner Janke abgelöst und für den Hochspringer Bahr genügten 2,03 Meter beim Hochsprung nicht, denn am Samstag war der Leipziger Lein in Brünn bereits 2,04 Meter gesprungen. Rupert Kerer

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Der Bayerische Sportärzteverband wird vorläufig zu Boxkämpfen keinen Arzt mehr abstellen, sondern abwarten, bis der Deutsche Sportärztebund zu den Anklagen des Münchener Arztes Dr. Max Poeschi Stellung genommen hat. Dr. Poeschi sprach sich kürzlich in einem Vortrag heftig gegen die geltenden Boxregeln aus, für deren gesundheitliche Folgen kein gewissenhafter Mediziner mehr die Verantwortung übernehmen könne. Er führte 72 Fälle an, bei denen deutsche Boxer an den Folgen von im Ring erlittenen Verletzungen gestorben sind. Bei 72 v. H. dieser bedauerlichen Zwischenfälle sei der Tod durch Kopfverletzungen und bei 14 v.H. durch Herzschlag eingetreten. Solange die Boxregeln noch den Knockout erlaubten, sei das Boxen vielfach lebensgefährlich und in jedem Falle gesundheitsschädigend. W. F. K.