Von Erwin A. Granzow

Rotterdam, im Oktober

Putzfrauen, vor einigen Monaten in Holland noch ausgesprochene "Mangelware", sind zur Zeit mühelos und in beliebiger Zahl erhältlich. Ihre Lohn- und sonstigen Ansprüche sind überdies erstaunlich bescheiden geworden. Auf den Bauplätzen fassen die Leute tüchtiger zu. Die Arbeit geht ihnen viel schneller von der Hand. Die Werftbetriebe melden ein größeres Angebot an Arbeitskräften. Zwar ist der Bedarf an Facharbeitern noch keineswegs gedeckt, doch kostet es zur Zeit weit weniger Mühe, brauchbare Kräfte zu finden, als noch vor einigen Wochen.

Viele holländische Ladeninhaber hingegen zeigen bedrückte Mienen. In der Konfektions- und der Möbelbranche gehen die Geschäfte bemerkenswert ruhig. Auch bei Schuhen, selbst bei Lebensmitteln gehen die Umsätze zurück. Und die Filmtheater müssen schon etwas sehr Zugkräftiges aufs Programm setzen, wollen sie die Säle halbwegs voll kriegen.

Es sind dies Symptome, die man nicht unterschätzen darf: Im Leben der Holländer kündigt sich eine Wandlung an, die von der Regierung bewußt angestrebt wird. In den vergangenen Jahren – es fehlte gewiß nicht an warnenden Stimmen derer, die es gut mit ihrem Lande meinten! – lebten die meisten Holländer auf viel zu großem Fuß. Auf die allereinfachste Formel gebracht: sie gaben mehr aus, als sie verdienten. Man konnte es ihnen nicht verübeln, denn letzten Endes gab ihnen die eigene Regierung das Beispiel dazu, die sogar Geld ausgab, das erst noch verdient werden mußte. Nun ist es aber wieder ihre Regierung, die im allerletzten Augenblick auf die Bremse tritt und die Parole zur "bestedingsbeperking", zur Einschränkung der Ausgaben, proklamiert.

Wie war es bisher? Der übersteigerte Konsum führte zu einer übersteigerten Wareneinfuhr, die mit den Exportanstrengungen der eigenen Produktion nicht mehr in Einklang zu bringen war. Die Folge war ein Zahlungsbilanzdefizit, das in die Milliarden ging. Die an sich durchaus begrüßenswerte Emanzipation der holländischen Arbeiterschaft drohte ein böses Mißverständnis zu werden und den Rahmen der wirtschaftlichen Kapazität des Landes zu sprengen.

Der holländische Arbeiter blickt nach den USA, wo vielleicht sein eigener Bruder, Schwager oder Vetter im eigenen Auto zur Fabrik fährt und wo Kühlschränke und Fernsehgeräte im Eigenheim des Arbeiters ebenso selbstverständliche Einrichtungsgegenstände sind wie bei anderen Tisch, Stuhl und Bett. Der Rohstoffreichtum des amerikanischen Kontinents aber und das riesige Absatzgebiet des eigenen Marktes schaffen auch in sozialer Hinsicht völlig andere Voraussetzungen, die außerhalb der USA, geschweige denn in einem so kleinen, rohstoffarmen, auf die Einfuhr von Produktionsmitteln angewiesenen und zudem übervölkerten Lande wie Holland unmöglich nachgeahmt Werden können. Der holländische Arbeiter freilich, der an die Proletarierexistenz seines Großvaters dachte, pochte auf seine mühsam erworbenen und von keinem sozial denkenden Menschen ernsthaft bestrittenen Rechte. Er wurde überdies in seinen Forderungen von seiner Gewerkschaft unterstützt. Es klang durchaus überzeugend, daß auch er seinen Anteil an der von ihm mitgeschaffenen "allgemeinen Wohlfahrt zu beanspruchen habe. Er übersah bei seinen Lohnforderungen vieles, worin sein Brotgeber genaueren Einblick hatte ...