Es gibt zwar einige Mißtöne über allzu eifrige Rationalisierungsmaßnahmen der Stephansjünger: so etwa, daß sie dem Kunden möglichst nicht mehr "zu nahe kommen" wollen – nämlich nur noch bis zum Hausbriefkasten, nicht aber bis zum Schlitz an der Wohnungstür –, oder auch, daß der "nichtangetroffene" Postkunde geradezu Marschverpflegung braucht, wenn er eine Sendung vom "nächsten" Amt abholen muß, weil (in einigen Großstädten) die Zustellämter so radikal "zusammengelegt" worden sind. Aber: außer solchen Mißtönen (und den Klagen der Berliner über den neuen Winterflugplan der alliierten Fluggesellschaften, der sie dazu zwingt, Luftpost bis spätestens 16 Uhr dem Briefkasten anzuvertrauen, wenn sie noch am gleichen Tage die deutsche Hauptstadt verlassen soll!) gab es jüngst gerade in der gleichen Hauptstadt einen deutlichen Wohllaut aus dem Posthorn zu hören.

Der Wahl-Berliner und einzige Bundesminister mit eigenem zweitem Dienstsitz an der Spree, Ernst Lemmer, wurde von den noch immer kollegial mit ihm verbundenen Journalisten gefragt, wie es künftig um die Finanzierung der Postaufträge bestellt sei. Die Berliner haben ein besonderes Interesse daran, weil ihre größte Industriegruppe, die Elektroindustrie, seit eh und je einen großen Teil der Güter liefert, welche die Post für ihren Betrieb braucht. Ein derartiges Unternehmen – nicht das einzige übrigens –, dessen Produktion zu rund vier Fünftel für den postalischen Fernmeldedienst bestimmt ist, hat einen sorgenvollen Winter hinter sich: Die bisher in den außerplanmäßigen Haushalt der Bundespost eingestellten Mittel für die Auftragsvergabe blieben damals ganz besonders lange aus, weil der Bundesfinanzminister zwar die ansehnlichen Millionenbeträge der Postabgabe auf Grund gesetzlicher Tradition aus Bismarcks Zeiten vereinnahmte, wegen seines schwindenden "Juliusturms" aber die Deckung der dringenden Postaufträge nicht glaubte verantworten zu können.

Schon damals meinten wir, solche Finanzierung "im Gnadenwege" entspreche nicht ganz den fernmeldetechnischen Bedürfnissen einer Bundesrepublik, die noch sehr viel zu investieren habe, um auf diesem Gebiet den Stand der europäischen Nachbarländer zu erreichen, mit denen sie sich in einem Gemeinsamen Markt vereinen soll. Und erst dieser Tage lasen wir im Bericht des erwähnten Berliner Unternehmens, seine Beschäftigungslage habe sich im zweiten Halbjahr dank der endlich eingegangenen Postaufträge zwar gebessert, die im ersten Jahresviertel verfügten Entlassungen seien weitgehend ausgeglichen, die Produktion laufe auf hohen Touren – aber die Bundespost habe es trotz verspäteter Bestellung jetzt so eilig, daß zur termingerechten Ausführung der Aufträge Mehrschichtarbeit, Überstunden und summa summarum erhöhte Kosten erforderlich gewesen seien. Es war also der kuriose Zustand eingetreten, daß Aufträge für die gleiche Regierung, deren wirtschaftspolitische Exponenten als Wanderprediger gegen Kosten- und damit auch Preissteigerungen auftraten, nur unter deren Druck ausgeführt werden konnten ...

Nun hat das gleiche Unternehmen in einer Vorschau befriedigt festgestellt, auch für das kommende Jahr könne man bereits disponieren, da wesentliche Aufträge schon gesichert seien. Diese Regelung ist, wie Minister Lemmer in Berlin erläuterte, bereits im vergangenen Juli möglich gewesen, weil er (und der hier maßgebliche Kollege Schäffer) schon damals protokollarisch einen erheblichen Teil des Auftragsvolumens festgelegt hätte. Und wenn er, der rhein-preußisch Berliner Bundespostminister, das ihm liebgewordene Ressort behalte, dann sei gewiß, daß diese – geradezu unwahrscheinlich vernünftige – Regelung kein Präsent an das Wahljahr bleiben werde.

Hört, hört, welch neuer Ton aus Lemmers Horn! Allein die Tatsache, daß es dem notwendigerweise ausgabenfreudigen Postminister gelungen ist, dem notwendigerweise sparfreudigen Bundesfinanzminister solches Zugeständnis abzuringen, ist ein melodisches Hornsolo wert. Im Hintergrund dieser Konzession scheint, wenn wir die Obertöne des Lemmerschen Impromptus richtig gehört haben, die Aussicht auf eine nicht mehr allzu ferne, nicht üppig, aber kulant ausgestattete Postanleihe zu stehen. Vielleicht ist es dann dem wohlwollenden und vermittlungsbereiten Postminister im Vollgefühl solchen materiellen Rückhalts auch möglich, die mancherorts aufgeklungenen Mißtöne wenigstens zum Teil zum Schweigen zu bringen ... gns.