Von Günther Graffen berger

Über dem Nordmeer braut sich eine politische Unwetterfront zusammen. Die Kommunisten der Insel Island, die mit den Sozialdemokraten und der Agrarierpartei die rot-grüne Regierungskoalition in Reykjavik bilden, haben mit dem Austritt aus dem Kabinett gedroht, wenn nicht endlich der isländisch-amerikanische Verteidigungspakt gekündigt werde. Über Nacht sind an einigen Häuserfronten die alten "Yankee go home"-Parolen aufgetaucht, die keine Erfindung allein der Kommunisten sind, sondern auch von vielen, rechtsgerichteten Politikern unterstützt werden.

Junge Staaten haben es an sich, daß ihre Politik nicht immer leicht zu verstehen ist. Island ist ein junger Staat. Erst 1944 hat Island seine Personalunion mit Dänemark gelöst. Kaum waren die Isländer nach einer englisch-amerikanischen Besetzung während des Krieges wieder Herren im eigenen Land, als sie – 1951 – unter dem Druck der außenpolitischen Ereignisse der Stationierung amerikanischer Truppen zustimmen mußten; Daß ihnen dies bei ihrer ausgeprägt antimilitaristischen Haltung nicht leicht wurde, ist nur allzu verständlich. Der Isländer kennt auch heute noch keine militärische Dienstpflicht, obwohl die Insel wiederholt unter den Folgen ihrer völligen Wehrlosigkeit zu leiden hatte. So beispielsweise 1807, als ein dänischer Kapitän mit seiner Mannschaft in Reykjavik an Land ging, den Gouverneur ins Gefängnis warf und ein Jahr lang walten und schalten konnte, wie es ihm beliebte, bis 1808 ein britisches Kriegsschiff diesem Spuk ein Ende machte.

Solche Erinnerungen lassen alles als Spuk erscheinen, was mit fremder Besatzung zusammenhängt. Zwar bekräftigt Island seine Treue zur NATO, als deren nördlichster Eckpfeiler es gilt: es möchte jedoch nicht länger die Rolle des "unversenkbaren Flugzeugträgers" spielen.

Wenn irgendwo im Spannungsfeld zwischen West und Ost Entspannungsschalmeien tönen, wird ihre Melodie in Reykjavik gerne gehört. Als die Sowjets die Insel Porkkala an Finnland zurückgaben, wurde dies nirgendwo so positiv bewertet wie in Island. Vor allem die isländischen Kommunisten atmeten auf. Waren sie doch den Vorwurf los, daß sie zwar dafür plädierten, die Amerikaner sollten Keflavik räumen, zugleich über die sowjetische Besetzung Porkkalas schwiegen.

Die Go home-Forderung wird auch von anderen Parteien erhoben. Bereits im März vergangenen Jahres hatte das Parlament entschieden, die Amerikaner sollten gehen. Als die ersten GI’s auf ihre Truppentransporter kletterten, fielen die Schüsse in Budapest. Das war allerdings auch für die Insel das Zeichen, lieber mit einer westlichen als mit einer etwaigen östlichen "Besatzung" vorliebzunehmen. Die Regierungen in Reykjavik und Washington verständigten sich darüber, daß zur Sicherheit Island, weiter US-Truppen in Keflavik bleiben sollten. Der Verteidigungsvertrag blieb mit sechsmonatiger Kündigungsfrist in Kraft.

Jetzt scheint nach Auffassung der Kommunistischen Partei, die sechs Sitze im Parlament hat, der Weg für eine Kündigung dieses beiderseitigen Paktes frei zu sein.

Ein Jahr lang lagerte über der Saga-Insel im Nordmeer das westliche Hoch. Jetzt braut sich ein Tief zusammen, und diese politische Unwetterfront ist in Washington wohl beachtet worden. Ob es auch diesmal nur bei einem Wetterleuchten bleibt, muß die nächste Zukunft lehren.