Von Rudolf Walter Leonhardt

Eines der amüsantesten (und bei nächtlichem Nach-Denken dann deprimierendsten) Bücher des Jahres ist dieses Werk vielleicht nur für denjenigen, dem sich philologische und soziologische Interessen eng verbinden; eines der wichtigsten Bücher des Jahres, das jeder Schreiber – vom Romancier bis zum Werbetexter – immer griffbereit auf dem Schreibtisch haben sollte, ist es auf jeden Fall:

Dolf Sternberger, Gerhard Storz, W. E. Süskind: „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“, Claassen Verlag, Hamburg; 134 S., 7,80 DM.

Wie sich Franzosen und Engländer – das ist, leicht vereinfacht, die Arbeitshypothese der drei Verfasser – an ihrer Sprache unterscheiden lassen, so lassen sich auch innerhalb der deutschen Sprache die Sprecher unterscheiden: als Menschen und – „Unmenschen“. „Es ist die Funktion der Sprache, daß sie verrät; aber es ist ihr fast übernatürliches Geheimnis, daß sie sich selbst, das heißt ihre Sprecher, verrät“ (Gerhard Storz).

Die um der Deutlichkeit willen typologisch überspitzte Scheidung richtete, als sie konzipiert wurde, ihre Spitze gegen den Unmenschen der tausend Jahre von 1933 bis 1945. Das war die Stoßrichtung, als Dolf Sternberger im November 1945 die erste der hier nun gesammelt vorliegenden Wortanalysen in der Zeitschrift „Die Wandlung“ veröffentlichte. Wäre es dabei geblieben, so läge jetzt eine brillante Studie politischer Philologie vor uns, die historisches Interesse beanspruchen dürfte.

In Wirklichkeit aber ist dieses kleine Buch viel mehr. Als es gedruckt werden sollte, mußte Dolf Sternberger im April 1957 ein Vorwort schreiben, in dem es heißt: „Lange hatten wir geglaubt, dieser gewalttätige Satzbau; diese verkümmerte Grammatik, dieser monströse und zugleich krüppelhafte Wortschatz seien der Ausdruck der Gewaltherrschaft – ihr Ausdruck oder ihre bleckende Maske –, und so würde dies alles auch mit ihr in Trümmer sinken. Es ist auch mit ihr in Trümmer gesunken. Aber kein reines und neues, kein bescheideneres und gelenkigeres, nein freundlicheres Sprachwesen ist erstanden. Sondern der durchschnittliche, ja, der herrschende deutsche Sprachgebrauch behilft sich mit diesen Trümmern bis auf unsern Tag. Das Wörterbuch des Unmenschen ist das Wörterbuch der geltenden deutschen Sprache geblieben.

Der Unmensch ist unter uns; an seiner Sprache sollt ihr ihn erkennen. Das ist wichtig, da ja auch heute der eigentlich Schuldigen wenige und der ahnungslosen Mitläufer so viele sind.

Ist – so fragen wohl die Mitläufer – „Anliegen“ nicht ein schönes, ein inniges ein von Herzen kommendes Wort? Im Wörterbuch des Unmenschen weist Dolf Sternberger die Verlogenheit dieser „Anliegen“ nach, wenn sie vor Public Relations Managern, die sich wie Hohepriester gebärden, als Synonym für „Interessen“ gebraucht werden.

Was liegt schon „Unmenschliches“ in einem so harmlos munteren Verbum wie „querschießen“? W. E. Süskind erklärt es in einem kleinen Essay, der aus dem Sprachlichen emporwächst zu selten erreichten Höhen deutscher Gesellschaftskritik.

Wer aber – so könnte man in den besten Kreisen unserer Bildungswelt fragen – vermöchte im Ernst etwas einzuwenden gegen „Gestaltung“, was schließlich nicht erst seit gestern, sondern seit Goethe ein schon beinahe traditionsgeheiligter Begriff ist? Gerhard Storz vermag es, indem er zunächst einmal die etwas verschwommene Doppelsinnigkeit deutlich macht, die den Substantiven auf -ung überhaupt anhaftet – „daraus entspringt wohl die sonderbare Verschwommenheit, die für die private und öffentliche Diskussion kennzeichnend ist, wenn von ‚Bildung‘ die Rede ist“ (ein goldenes Wort) – und indem er dann verführt, was aus dem Wort seit Goethe alles geworden ist: Studiengestaltung, Feriengestaltung, Reisegestaltung, Modegestaltung, Raumgestaltung, Tischgestaltung, Gartengestaltung. „Einen Garten legt der redliche Mensch ... zuerst an, dann baut und pflegt er ihn. Deshalb erscheint in menschlicher Rede die Gartenanlage, der Gartenbau, die Gartenpflege. In ‚Gartengestaltung‘ hingegen verraten sich der unredliche Wichtigtuer oder der Kunsthuber und der durch Surrogate verbildete Geschmack.“

Das Wörterbuch des Unmenschen enthält 28 Wörter mit philologischen und soziologischen Analysen; und zwar von Dolf Sternberger:

Anliegen – Ausrichtung – Betreuung – charakterlich – intellektuell – Menschenbehandlung – Vertreter – wissen um;

von W. E. Süskind:

echt, einmalig – herausstellen – Kulturschaffende – Lager – organisieren – Propaganda – querschießen – Sektor;

von Gerhard Storz:

durchführen – Einsatz – Frauenarbeit – Gestaltung – leistungsmäßig – Mädel – Problem – Schulung – tragbar – untragbar – Zeitgeschehen.

Doch so wortarm ist der Unmensch gar nicht, zu dessen Funktionen es ja gehört, stundenlange Reden zu halten und wenn nicht Briefe, so doch Schulungsbriefe oder Werbebriefe zu schreiben, die sich nicht durch Kargheit im Wortschatz auszeichnen. Und gerade weil dieses Wörterbuch so wichtig und so notwendig ist, daß es im Deutschunterricht der Oberstufen und in den Kollegs der Philosophischen Fakultäten behandelt werden sollte, gerade weil es gelungen ist, drei Autoren zu finden, die diese Aufgabe, die sie sich gestellt haben, wirklich „meistern“ und „spielend“ meistern, gerade deswegen ist es so zu bedauern, daß die 136 Seiten dieses Wörterbuches offensichtlich vom Zufall und von der Arbeitskraft seiner Verfasser bestimmt wurden.

Wo ist der Verleger, der es unternähme, ein solches Wörterbuch in dem ihm gebührenden Umfang und in einem soliden, dauernder Benutzung standhaltenden Einband herauszubringen? Es dürfte schwer, aber nicht unmöglich sein, die Zahl der kongenialen Autoren zu erhöhen, falls das notwendig würde.

Jedenfalls wäre es eine dankenswerte Aufgabe, ein Nachschlagewerk zu schaffen, das denjenigen, die nicht selber Sprachvergewaltiger, sondern nur ratlos sind, zwar nicht Regel und Gesetz gäbe (denn solcher Zwang hat der lebendigen Sprache noch selten gut getan), aber doch Hinweise auf jene Grenze, die die Sprachentwicklung von der Sprachkorruption klarer, als manche es wahrhaben wollen, trennt. Sternberger, Süskind und Storz haben bewiesen, daß eine solche Trennungslinie auch ohne Pedanterie gezogen werden kann.

An Vorschlägen, welche Wörter daraufhin untersucht werden müßten, ob sie nicht auch zum Vokabular des „Unmenschen“ gehören, soll es nicht fehlen.

Gehört zum Unmensch-Mädel nicht vielleicht jener Junge, der seinen Plural „Jungens“ bildet? Liquidieren erscheint verdächtig, wenn es Dinge „flüssig macht“, die sich dazu weniger eignen als Geld. Der schriftstellernde (statt schreibende) Unmensch von heute nennt sich gewiß Publizist,’ und beim Schreiben gibt er sich gerne die Patina des Chronisten (was gleichzeitig den Vorteil hat, daß er nicht „ich“ zu sagen braucht; denn – wie Dolf Sternberger schreibt – „der Unmensch mag es nicht leiden, wenn die Leute ‚ich‘ und ‚du‘ sagen“).

In Begegnungen mit namhaften Persönlichkeiten sucht er das Wesen jener Dinge, die ihm nicht mehr bedeutend, sondern bedeutsam erscheinen; häufig handelt es sich dabei um jene „Gegenstände des Darumwissens“, die „so wolkig sind, daß sie zu rein gar nichts verpflichten“ (Sternberger). Und da auch bedeutsam dem Unmenschen schon nicht mehr bedeutend genug klingt, wohl auch schon ziemlich abgegriffen ist, bildet er sich nach dominierender Unmenschen-Unart im Jahre 1957 ein, seiner Sprache neue Ausdrucksmöglichkeiten zu erschließen, wenn er ohne Grund im Bereich einer anderen Sprache wildern geht: aus bedeutend, wird dann signifikant, und so steht es ausgerechnet in dem Werbebrief, mit dem der Verlag das „Wörterbuch des Unmenschen“ ankündigt.

Und was ist aus der Unterhaltung geworden, bei der sich niemand mit niemandem mehr unterhält, seitdem diese Art der Unterhaltung zum Gespräch avanciert ist? Kreise, die heute nicht gestört werden wollen, sind weder rund noch geschlossen und möglicherweise gar nicht existent: politische Kreise, diplomatische Kreise, wohlunterrichtete Kreise. Das heiße Eisen war einmal ein gutes Bild; dann wurde es ein Modewort, und heute ist es scheinbar unentbehrlich, jedoch gewiß nicht „menschlich“. Seltsame und sicher bezeichnende Bedeutungsveränderungen hat die Werbung durchgemacht, bis man von ihr „Werbekosten“ ableiten konnte. Genug – die Wörter, die sich aufdrängen, sind zu zahlreich und zu gewaltig, als daß ein einzelner sie mit kurzen Aperçus zu bewältigen hoffen könnte – damit wäre er, m. E., ausgesprochen überfordert.

Wer die Sprache liebt und die Sprecher lieben möchte, für den schrieben Dolf Sternberger, Gerhard Storz und W. E. Süskind „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“.

Wer „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ gelesen hat, der hofft, daß es nur ein Vorgänger war zu einer umfassenderen, vollständigeren Darstellung: „Das Wörterbuch des Unmenschen.“