In Polen, wo die außenpolitische Haltung aus geographischen Gründen nie in Zweifel stand, liegt die Hauptschwierigkeit, die dieses neue Konzept mit sich bringt, darin, die monolithische Parteiherrschaft wiederherzustellen – ein Versuch, der bisher noch mit vergleichsweise milden Methoden durchgeführt wird. In Jugoslawien dagegen ist eine Neuorientierung der Außenpolitik wie auch eine einseitige ideologische Abrüstung notwendig geworden.

Der Anspruch, die "Arbeiterräte" seien für den wahren Sozialismus im Unterschied zum bürokratischen Staatskapitalismus wesentlich, ist plötzlich völlig fallengelassen worden, weil er eine Kritik am Sowjetsystem einschließt. Die Doktrin, fortgeschrittene demokratische Länder könnten den Sozialismus durch "reformistische" Methoden erreichen und der kommunistische Block habe kein Monopol auf den sozialistischen Fortschritt, wurde im letzten Tito-Gomulka-Kommuniqué zu der harmlosen Feststellung abgeschwächt, daß auch im Westen die Massen "um den Sozialismus ringen".

Alles, was übriggeblieben ist von Titos Eigenständigkeit, von seiner Ablehnung der sowjetischen Doktrin und den "zwei Lagern" in der Weltpolitik, ist also einfach die Ablehnung eines direkten Militärbündnisses. Das ist natürlich nicht unwichtig, weil es bedeutet, daß Titos Unterstützung der sowjetischen Außenpolitik bedingt ist. Für den Augenblick allerdings hat er seine Unterstützung mit dem seltsamen Argument begründet, zu Stalins Lebzeiten sei die Hauptgefahr für den Frieden von der Sowjetunion ausgegangen, gegenwärtig aber von der Politik des Westens.

Zweifellos wurden Tito und seine nächsten Berater durch die ungarische Revolution tief erschreckt, weil sie zeigte, daß der Versuch, ein kommunistisches Regime zu reformieren, leicht zum völligen Sturz der kommunistischen Herrschaft führen kann. Und wenn auch wahrscheinlich keiner der jugoslawischen Führer glaubt, daß die Westmächte diesen Aufstand "organisiert" hätten, so sind sie doch ebenso wie Chruschtschow beunruhigt durch die fortgesetzte Weigerung des Westens, die unpopulären Satelliten-Regime in Osteuropa als Dauereinrichtung anzuerkennen.

Die Überzeugung, daß die Bedrohung irgendeiner kommunistischen Diktatur eine Bedrohung für alle ist – daß sie zusammenhängen müssen, wenn sie nicht einzeln hängen wollen –, hat sowohl Tito wie Gomulka veranlaßt, Chruschtschows Bedingungen für eine neue Orientierung anzunehmen. Sie erst hat es Nikita Chruschtschow erlaubt, aus dem schweren Schock seiner ungarischen Niederlage einen taktischen Erfolg zu ziehen.