Nach Alfred Weidenmanns "Stern von Afrika" ist Frank Wisbars "Haie und kleine Fische" ein weiterer deutscher Film, der im letzten Weltkrieg spielt. Nach der Luftwaffe nun also die Marine – so denkt man zunächst skeptisch. Tatsächlich scheinen beide Filme weniger eine tragische Vergangenheit sublimieren zu wollen, als vielmehr Stimmung zu machen für zwei bevorzugte Waffengattungen der neuen Bundeswehr. Das jedenfalls ist ihre indirekte. Wirkung. Hoch klingt das Lied vom braven Manne, der Soldat war, der im Dritten Reich von wahnsinnigen Politikern, den "Haien", und von ihren militärischen Schergen, den Leuteschindern, verkauft oder verspeist wurde wie "kleine Fische".

Wolf gang Otts Roman "Haie und kleine Fische", nach dem dieser Film gedreht wurde, strotzt von Roheiten und Obzönitäten, die dem Leser nicht nur den Krieg verleiden, sondern auch jeden Geschmack am Militär, insbesondere an der U-Boot-Waffe, verderben sollten. Diese monströsen, ekelerregenden Partien nun sind im Film-Drehbuch gemildert worden. Oberraschend ist das Produkt nach jener Vorlage eine bemerkenswerte Leistung der deutschen Filmproduktion (Willy Zeyn Film G.m.b.H., München). Er umgeht trotz einer diskret abgefangegenen Liebesgeschichte auch die filmischen Klischees. Er verwendet trotz unvermeidlich abfallender Atelieraufnahmen viel dokumentarisches Material aus dem letzten Seekrieg. Er porträtiert dramatisch insbesondere die U-Boot-Waffe.

Neue Gesichter, die Weidenmann für den "Stern von Afrika" entdeckt hat, kehren hier in den Hauptrollen wieder, beispielsweise Hansjörg Felmy und Horst Frank. Andere junge Bühnenschauspieler bewähren sich vor der Kamera: Wolfgang Wahl, Thomas Braut, Stefan Wigger, Ernst Reinhold. Inmitten dieser Transfusion frischen Blutes vom Bühnennachwuchs auf den Filmnachwuchs ragen markante Darsteller hervor: Wolf gang Preiß, der Oberst Stauffenberg aus dem Film vom 20. Juli, und Heinz Engelmann. Sie verkörpern phrasenlose Kommandanten, denen trotz der Härte des Schicksals oder der Haltung die Herzen der männlichen Jugend zufliegen müßten. Sogar eine Salondame des Films, Mady Rahl, gewinnt als Inhaberin eines Nachtlokals für leichte Mädchen und Kadetten neues Profil.

Die Handlung beginnt 1940. Vier Marineoffiziersanwärter werden an Bord eines Heringsloggers, der zum Minensuchboot umgebaut ist, ausgebildet. Das bietet anfangs oft Gelegenheit, aus vollem Herzen zu lachen. Regisseur Frank Wisbar liebt die kontrastscharfen Schnitte. Zuweilen mag der Zuschauer durch das beziehungsvolle Überblenden nicht jede Handlungsnuance "mitbekommen". Aber filmisch ergibt sich Tiefenperspektive. Bei dem drolligen Schwaben Vögele zum Beispiel finden Kameraden ein Gedicht, das er sich abgeschrieben hat. Einer liest es vor. Wundervoll, wie die Stimmung dieser Verse nicht nur die Szene verwandelt, wie durch Poesie zugleich dieser engste Kreis gezeichnet wird, über dem schon der Tod schwebt. Oder: In einer leichten Gesellschaft wird Schopenhauers Weiberfeindschaft zitiert. Prachtvoll ist es anzusehen, wie Wisbar plötzlich auch im Film das Weib in Schopenhauerscher Prägung als "dramaturgischen Knalleffekt" ausspielt!

Bei einem Kampfeinsatz rettet Fähnrich Teichmann, der selbst verwundet ist und sich an ein zerschossenes Boot klammert, seinen schwerverletzten Korvettenkapitän. Zum Dank empfiehlt der schließlich erblindete Kommandant seinen Retter dem berühmten U-Boot-Führer Lüttke. Was Teichmann bei ihm in härtesten Kriegshandlungen erfahren muß, ist das Gegenteil einer anfangs bloßgestellten Ausbildungsschikane. Hier überrundet Wisbars Film den "Stern von Afrika" um Längen. Dieses Charakterdrama zwischen einem Korvettenkapitän und einem explosiven Leutnant handelt in packender Weise von militärischer Manneszucht. Manfühlt sich an "Die Caine war ihr Schicksal" erinnert.

Zwiespältig wie in jenem amerikanischen Film, sind auch hier die politischen Seitenblicke. In solch aktuellen Bezirken schlagen die Filmproduzenten aus naheliegenden Gründen andere Wege ein als die Autoren. Hermann Wouks amerikanischer Bestseller-Roman wirkte praktisch – wenn auch mit Einschränkung – als eine Kritik am Militär. Der Film jedoch glorifizierte die US-Navy. Auch "Haie und kleine Fische", ja, auch der kritische Film "Verdammt in alle Ewigkeit" verdammte nur Mißstände der Ausbildung, drängt die politische Abrechnung ganz an den Rand. Der Film ist deshalb kein Dokument unserer jüngsten Vergangenheit geworden, sondern ein Loblied zeitlosen, edlen Soldatentums.

Dennoch sind einige zeitkritische Arabesken wichtig, vor allem jene Szene, in der Leutnant Heyne (hervorragend als Darsteller ist hier Horst Frank), selbst mit dem Eisernen Kreuz geschmückt, erfährt, daß sein Vater im Konzentrationslager Belsen "verstorben" sei. Gegen Erstattung der Überführungskosten werde der Leichnam zur privaten Bestattung freigegeben. Der Geschichtsprofessor Heyne hatte nämlich den Kriegsausgang vorausgesehen und seine Meinung ausgesprochen. Sein Sohn nun stellt im Gespräch mit einem Kameraden Betrachtungen darüber an, daß er selbst nur Vierteljude ist; seine Nachkommen würden als Achtel- oder Sechzehnteljuden nicht mehr von den Rassegesetzen betroffen werden: Da lachte im Kino (in der Marinestadt Kiel) das ganze jugendliche Parkett wie über einen Witz. Erst Leutnant Heynes Selbstmord belehrte die jungen Zuschauer, daß hinter diesen "komischen" Ausdrücken eine grausige Wirklichkeit stand.

Man konnte im Kino bei vielen jugendlichen Zuschauern dieselbe Wirkung beobachten, die im Theater durch das "Tagebuch der Anne Frank" ausgelöst wurde. Junge Menschen, die von der Judenverfolgung allenfalls vom Hörensagen wissen, erfahren mittels Literatur, Theater oder Film anschaulich, was sich zugetragen hat. Johannes Jacobi