J.B., Wien, im Oktober

Mit Krimsekt und Krabben hat der Leiter der sowjetischen Handelsvertretung in Österreich bei einem Empfang auf der Wiener Messe seine Gäste bewirtet. Er war als Gastgeber auf jeden Fall großzügiger als der gleichzeitig in Wien weilende Handelsminister der Vereinigten Staaten. Die Sowjets lassen sich eine Wiener Messe an 200 000 $ kosten. Mit den Satelliten (also den "irdischen") zusammen kommt der Osten für eine Wiener Messe immerhin auf einen Aufwand von etwa einer Million $.

Seit wir Zeugen dieser Propagandaentfaltung waren, ist knapp ein Monat vergangen, und nun wurde ein neuer Handelsvertrag zwischen Österreich und der Sowjetunion abgeschlossen. Es geht hierbei, wie bei allen weiter genannten Außenhandelsfragen, immer nur um das kommerzielle Geschäft; die österreichischen Reparationen (vorwiegend Erdöl) laufen außerdem weiter, und erst wenn sie aufhören, sollen sie (nach Äußerungen Mikojans) ganz oder teilweise in Warenaustausch umgewandelt werden...

Österreich hat schon einmal einen Handelsvertrag mit Moskau gemacht, sehr bald nach dem Staatsvertrag. Beide wollten in jeder Richtung im Jahr auf 25 Mill. $ kommen, sind aber zunächst sehr weit von der Absicht entfernt geblieben: 1956 betrug die österreichische Einfuhr aus der UdSSR nur 7 Mill. $ und die Ausfuhr dorthin 14 Mill. $. Man kam nur schwer ins Geschäft, doch muß anerkannt werden, daß sich die Verhältnisse und damit die Möglichkeiten inzwischen wesentlich gebessert haben. In den acht Monaten Januar bis Juli 1957 erreichte die Einfuhr bereits 16 Mill. und die Ausfuhr nach der Sowjetunion 15 Mill. $. Der neue Vertrag sieht nun in jeder Richtung einen Umfang von 40 Mill. $ vor. Das erscheint angesichts der jüngsten Entwicklung nicht mehr so unrealistisch, wie es der vor Jahren versuchte erste Kontingentrahmen war.

Bemerkenswert ist, daß zur Lieferung nach der UdSSR auch bedeutende Posten Konsumgüter vorgesehen sind: Wollgewebe, Wollgarne, Lederschuhe, weiter Zuchtvieh, dann aber Investitionsgüter wie Stahlrohre, Armaturen, Diesellokomotiven, Maschinen und Wasserturbinen. Die Gegenlieferung der Sowjets soll Kohle, Eisenerz, Chromerz, Ferrolegierungen, Heizöl, Getreide, Maschinen und u. a. Chemikalien sein. Die Ausfuhr- und Einfuhrabwicklung dürfte administrativ besser aufeinander abgestellt worden sein, da es heißt, daß das Funktionieren des Clearings gesichert sei.

Zur Zeit steht die Sowjetunion (das heißt nach den Ergebnissen der ersten acht Monate 1957 gerechnet) als Außenhandelspartner für Österreich noch hinter den Niederlanden, in der Einfuhr etwas vor und in der Ausfuhr etwas nach Jugoslawien. Die Importe sind ein Fünfzehntel und die Exporte ein Zehntel des in der gleichen Zeit mit der Bundesrepublik Deutschland erreichten Umsatzes. Wenn Wien und Moskau aber die im neuen Vertrag vorgesehenen 40 Mill. $ (also über 1 Mrd. S) im Jahr in jeder Richtung schaffen, so wäre dies schon die Rangklasse, die heute in der österreichischen Handelsbilanz die Schweiz innehat.