Von E. A. Greeven

Im Februar oder März 1947 wurden von einem 15jährigen Beduinen in einer Felshöhle – zwei Kilometer vom Nordwestufer des Toten Meeres entfernt – mehrere alte, in Leinentücher eingeschlagene Handschrifrenrollengefunden. Sie wurden nach Bethlehem gebracht, wo ein Scheik sie für syrische Handschriften hielt und an einen Kaufmann der syrisch-orthodoxen Gemeinde weiterleitete. Der wiederum übergab sie einem Glaubensgenossen in Jerusalem, wo ein Teil der Rollen dem Erzbischof Athanasius Samuel vom syrischen Kloster St. Markus angeboten und an ihn verkauft wurden.

Der Erzbischof erkannte die Schrift als hebräisch, und der zufällig anwesende holländische Pater van der Ploeg sah als erster, daß eine der Rollen das Buch Jesaja enthielt. Die übrigen vom Kloster St. Markus erworbenen Rollen ergaben nach der mühsamen Entzifferung: auf zwei Rollen das „Handbuch der Unterweisung“ (Ordensregeln einer religiösen jüdischen Gemeinschaft), einen Kommentar zum Buche Habakuk und eine schwer beschädigte aramäische Rolle, die zuerst Lamech-Rolle genannt wurde und sich mehrere Jahre später als ein Midrasch (erweiterte Auslegung) zur Genesis herausstellte.

Dies war aber nur ein Teil der von den Beduinen gefundenen Handschriften. Ein anderer gelangte im November 1947 durch Professor Sukenik in den Besitz der hebräischen Universität, gleichzeitig mit zwei Krügen von etwa 60 cm Höhe und 25 cm Durchmesser, in denen die Schriftrollen gelegen hatten. Die Erwerbungen von Professor Sukenik bestanden zunächst aus vier Rollen mit Dankpsalmen, einer unvollständigen Jesaja-Rolle und aus einer apokalyptischen Schrift, die sich „Krieg der Söhne des Lichts mit den Söhnen der Finsternis“ betitelte.

Seit dem Frühjahr 1948 schwoll in Amerika und Europa die Flut wissenschaftlicher Abhandlungen und sensationell aufgeputzter Presseberichte an, und es entbrannte die sogenannte „Schlacht um die Schriftrollen“. Das beste Geschäft machten dabei die Beduinen, die immer wieder neues Material herbeitrugen und teils ganze Rollen, teils Fetzen davon scheibchenweise verhökerten. Die komplizierte Arbeit der Wissenschaftler wurde jahrelang noch dadurch erschwert, daß jenes felsige Wüstengelände in den Vorbergen des Massivs von Judäa, wo die Fundstätte der Rollen lag, zum umkämpften Grenzgebiet zwischen Israel und Transjordanien gehörte. Dies war auch der Grund, weshalb erst 1949 die Höhle im Wadi Qumran von Pater de Vaux und Direktor Harding, dem Inspektor der Altertümer für die Regierung von Transjordanien, zum erstenmal wissenschaftlich durchforscht werden konnte.

Als im Lauf der Jahre immer weitere Rollen und Fragmente zum Vorschein kamen und auch die Zahl der Höhlenmagazine beim Toten Meer sich vermehrte, erinnerten sich einige Gelehrte an gewisse Aussagen frühchristlicher und mittelalterlicher Kirchenmänner, die in diesem Zusammenhang eine aktuelle Bedeutung bekamen. Neben Plinius, der in seiner Historia naturalis ein Essener Kloster am Westufer des Toten Meeres erwähnt, berichtet im dritten Jahrhundert der Kirchenvater Origines, daß biblische Handschriften – allerdings in griechischer Sprache – in einem Krug nicht weit von Jericho entdeckt wurden. Und um das Jahr 800 schreibt der Patriarch von Seleukia an den Metropoliten von Elam, daß vor zehn Jahren in einer Höhle bei Jericho Bücher des Alten Testaments, darunter mehr als zweihundert Psalmen Davids, und andere hebräische Schriften gefunden worden seien. Schließlich besitzen wir aus dem neunten Jahrhundert eine Nachricht des David-ibn-Merwan, der von einer jüdischen „Höhlensekte“ schreibt, die diesen Namen trage, weil ihre Bücher in Höhlen deponiert und dort zum Vorschein gekommen seien.

Diese Zeugnisse aus der Vergangenheit und die Ausgrabung einer alten Klosteranlage nahe der ersten Qumran-Höhle, die man früher für die Ruine einer römischen Befestigung gehalten hatte, bekräftigten die Annahme, daß es sich bei den gefundenen Handschriften um Teile der Bibliothek einer dort ansässigen jüdischen Gemeinschaft oder Sekte handeln müsse. Der umfangreiche Bau wurde 1951 nach sorgfältiger archäologischer Methode ausgegraben und bestätigte diese Annahme. Ob es die Sekte der Essener war, kann man nicht mit Bestimmtheit sagen; jedenfalls aber stand sie den Essenern nahe, und es ist ferner möglich, daß die Tätigkeit Johannes des Täufers wenigstens im Anfang mit dieser Sekte Berührungspunkte hatte. Die Zerstörung des Klosters muß nach den Funden an Keramik und Münzen etwa im Frühling 68 nach Chr. stattgefunden haben. Die Bergung der Schriftrollen dürfte kurz vorher geschehen sein; entstanden sind die gesamten Handschriften höchstwahrscheinlich im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte vor Christi Geburt.