Moden sterben jung Christian Dior – auf der Höhe des Ruhms und von keinerlei Vorahnung eines plötzlichen Endes beschattet – fügte diesem Ausspruch seines Freundes hinzu: "... darum ist es auch natürlich, daß ihr Rhythmus hektischer ist als der der Geschichte..." Dies bezog sich auf die Behauptung des französischen Historikers Pierre Gaxotte, daß mindestens 50 Jahre verstreichen müßten, bevor sich irgendein Ereignis in seinen Auswirkungen beurteilen ließe.

Christian Dior hat niemals mehr als drei Monate Zeit gehabt, um über eine Kollektion Betrachtungen anzustellen: vom Tempo der Zeit und ihrer Mode gepeitscht, mußte er unmittelbar nach Beendigung einer umfangreichen und vielseitigen Arbeit an die nächste gehen, die schon ungeduldig auf ihn wartete. Kein Wunder, daß dieses atemraubende Tempo sich automatisch auf sein Leben übertrug, obwohl alles Abrupte, Fieberhafte und nervös Hastende seinem phlegmatischen, normannischen Temperament zuwider war. Aber er konnte dem perpetuum mobile des Modeschaffens, das keine Pause und keine Ruhe kennt, nicht entrinnen; er war nur ein Rad – wenn auch ein bestimmendes – in der weltumspannenden Maschinerie, die unaufhörlich an der Erfüllung weiblicher Wunschträume arbeitet, damit der Konsum steigt.

Es macht kaum einen Unterschied, ob das Budget einer Frau zur Anschaffung eines Originalmodells reicht, oder ob sie sich ein paar Dollar, Pfunde oder Mark für das neue "Dior"-Kleid – und sei es auch nur die Kopie einer Kopie – vom Munde abspart: Es war ihr zur Gewohnheit geworden, regelmäßig zweimal im Jahre zu fragen: Was bringt Dior Neues...? Überall nannte man ihn "König der Mode", aber er selbst lehnte diese Bezeichnung ab und sagte geradeheraus: "... ich bin nirgendwo und niemandes König ... ich bin ein Sklave der Frauen..." Nicht, daß er sich dadurch bedrückt gefühlt hätte, er hatte die Rolle freiwillig übernommen, aber er wußte recht wohl, welches übermenschliche Ausmaß von Sorgfalt, Mühe und Enthusiasmus zur Erfüllung dieser Aufgabe gehört. Er hat seine Rolle voll gelebt, sie hat ihn beherrscht ebenso wie er sie meisterte: Mode war ein integrierender Bestandteil seiner Existenz, und – wie er oft bemerkte: "... die leidenschaftlichsten Abenteuer meines Lebens habe ich mit meinen Kleidern erlebt. Ich bin von ihnen besessen, sie erfüllen mein Denken, sie quälen mich in ihren Geburtswehen – und sie verfolgen mich auch später noch ..." Vor noch nicht langer Zeit sagte er zu mir diese Worte, die heute einen besonderen Sinn bekommen: "Der kontinuierliche Ablauf des Geschehens – teils ein circulus vitiosus und teils ein Irrgarten der Ekstase – macht mir das Leben zur Hölle... und gleichzeitig zum Himmel..."

Zehn Jahre lang hat Diors Sonne im Zenit gestanden. Seine Laufbahn als Couturier war nicht, wie es üblich ist. Die kommerzielle Ausweitung seines Unternehmens, das von dem Textilmagnaten Marcel Boussac finanziert wurde, und das seine Fühler bereits im Jahre 1948 nach USA, Kanada, Kuba, Australien, Chile und Mexiko, und bald darauf nach Großbritannien ausstreckte, hatte – und die Gefahr lag nahe – trotz der Fülle der Produktion die Kraft seiner schöpferischen Phantasie nicht beeinträchtigt.

Christian Dior hatte nicht wie Cristobal Balenciaga oder sein jüngster Kollege aus Algier, Michel Tellin, als kleiner Junge aus Puppenlappen Kleider gemacht. Sein Vater hatte ihn für den diplomatischen Dienst bestimmt, aber Wechselfälle des Lebens und der Vermögensverlust seiner Eltern warfen ihn frühzeitig aus der Bahn. Auch als Kunsthändler versuchte er sein Glück, und später kam er ganz von ungefähr als Designer zu Piguet und dann zu Lucien Lelong. Man könnte es als einen Treppenwitz der Modegeschichte bezeichnen, daß Freunde, die nach einem "Haute Couture-Genie" für Marcel Boussac suchten, sich um Rat an ihn wandten. Ohne an sich selbst zu denken – überlegte er hin und her und konnte doch niemand nennen, der dieser Aufgabe gewachsen war. Mit einem definitiven "Nein" zog er sich schließlich in seine ihm liebgewordene Alltagsroutine als Modellzeichnen zurück. Aber sehr zu seinem eigenen Erstaunen setzte ihn das Schicksal dennoch wenig später unter Boussacs Schwingen in Nr. 30 Avenue Montaigne in Paris nieder. Er war noch nicht 42 Jahre alt, als er als vollwertiges Mitglied der Pariser Haute Couture zwar, aber sehr unsicher Anfang 1947 seine erste Modeschau zeigte. Schon diese erste Kollektion war ein Erfolg, der alle Erwartungen übertraf, aber zugleich dem jungen, stillen und bescheidenen Schneider einen Vorgeschmack davon gab, was nun von ihm verlangt wurde. Während des der Eröffnung des Hauses Dior folgenden intimen Diners traf er seinen alten Freund Christian Bérard, Maler und Bühnenbildner, der im Verlauf eines improvisierten Toastes andeutete, welche Anforderungen die Zukunft an ihn stellen würde. "Mein lieber Christian", sagte er zum Schluß, "koste das Glück dieses Augenblicks bis zur Neige aus: denn es ist einzigartig in deiner Karriere ... Niemals wieder wird Erfolg sich dir so leichtfüßig nähern; morgen schon wirst du an dir zweifeln und dich fragen, ob du deinem Ruf gerecht werden oder dich sogar übertreffen kannst..."

Christian Dior gehört zu den wenigen schöpferischen Menschen in dem von Uneingeweihten so oft als irrelevant und bedeutungslos bezeichneten Reich der Mode, dem Beifall und Erfolg nie zu Kopf gestiegen sind. Angeborene Natürlichkeit, gesunder Menschenverstand, ein entwickelter Sinn für Ausgeglichenheit und ungekünstelte Bescheidenheit haben ihn vor dem Schicksal seines berühmten Vorgängers Paul Poiret bewahrt.

Als ihn noch nicht die Schranken der Überarbeitung und Überwachung durch treue Cerberusse von der Umwelt trennten, hatte ich eine längere Unterhaltung mit ihm. Schon damals war er ein überbeschäftigter Mensch. Sein Ruf war bereits weit über Frankreichs Grenzen gedrungen. In Dallas, Texas, hatte er bei Neiman-Marcus seine erste Auszeichnung abgeholt und war in Chikago den erzürnten Hausfrauen entronnen, die ihn mit Schildern und Plakaten empfingen, auf denen zu lesen war: Nieder mit New Look!, Auf den Scheiterhaufen mit Dior!, Dior go home ... Er war gerade von der Eröffnung seines New Yorker Unternehmens in Fifth Avenue zurückgekommen, und obwohl demi-saison war, konnte er sich nicht vor Arbeit retten. Ich hatte kaum Zeit, die Gemälde von Bérard an den Wänden von Diors Studio zu betrachten, als M. Dior, den ich zwar öfters gesehen, aber nicht gesprochen hatte, hereinkam. Es ist schwer zu sagen, wer im Anfang schüchterner war: er oder ich... Aber er lächelte ermutigend, wir räusperten uns verlegen, und ich versuchte das Eis mit der Frage zu brechen, ob er noch müde von der USA-Reise sei...