Vor vier Jahren, zu seinem fünfundsiebzigstenGeburtstag, versandte Alfred Döblin einen Privatdruck, in dem er Freunden einiges über den Zusammenhang zwischen Werk und Autor mitteilte. Er mochte, hieß es da, wenn ein Buch fertig war, sein „Produkt“ nicht mehr sehen; fiel es ihm in die Hände, erkannte er es schlecht wieder und schob es von sich. Ein bißchen, fügte er hinzu, ekele ihm davor.

Ein Werk machte offenbar eine Ausnahme:

Alfred Döblin: „Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende.“ Verlag Langen/Müller, München;520 S., 19,80 DM.

Der Roman war 1945 in Kalifornien begonnen, 1946 in Baden-Baden beendet, ein Jahrzehnt, lang vielen deutschen Verlagen ohne Erfolg angeboten worden und 1956 schließlich im Osten, bei Rütten & Löning, erschienen.

Als ich mich für diesen seinen „letzten großen Roman“ (wie der seit Jahren Todkranke mir ins Buch schreiben ließ) bedankte, antwortete Döblin am 25. Januar 1957 vom Sanatorium Wiesneck (mit einem Diktat, das Krankenschwester Helene niederschrieb): „Staunend und kopfschüttelnd las ich jetzt die Geschichte in einem Band, Hamlet, der schließlich auch an mich gelangte, weder Korrekturen noch Fahnen habe ich gesehen, das war eine Geburt hinter dem Rücken der Mutter. Ich selbst hätte allerlei dazu zu sagen, beneidenswert frisch und elastisch war ich noch damals, es brach nur so im Sturm aus mir, und nun steht es auf dem gedruckten Papier, und ist in vielen Teilen nicht schlecht; was doch noch alles in einem steckt und glimmt und gelegentlich zu brennen beginnt.“

Ich war noch enthusiastischer über die Geschichte des Edward Allison, der, an Körper und Seele heillos beschädigt, aus dem zweiten Weltkrieg nach England zurückkehrte... und nun im engen Kreis der Familie die Zerstörung der letzten Jahre fortsetzte. In diesem Werk rumort das alte Döblin-Thema, das Thema des „Berlin-Alexanderplatz“: Wie flickt sich einer, den das Leben zerfetzt hat, wieder zusammen?

Allerdings schrieb ich damals: „Von Edward sagt zwar die letzte Zeile: ‚Ein neues Leben begann‘ – aber auch nur die letzte Zeile; das neue Leben begann, wenn überhaupt, jenseits des Buchdeckels. Es gehört ebensowenig zum Roman wie Fortinbras zum Shakespeare-Drama.“