Von Jan Molitor

Ein volles Jahr verging seit der ungarischen Oktober-Revolution. Kämpfe auf Leben und Tod, Flügelschlag der Freiheit über dem ganzen Land, dann Vernichtung und Trümmer und die große Flucht. Tausende sahen seit einem Jahr die Heimat nicht wieder. Sie leben mitten unter uns ihr Leben und sollten unser Leben führen. Nur wenige hatten Glück. Was kann man für die Unglücklichen tun?

Drei von neunzig ungarischen Studenten in Hamburg, drei von tausend Ungarn in dieser Hafenstadt, drei von zehntausend Ungarnflüchtlingen, die im Bundesgebiet leben. "Wie geht’s?" Die Ungarn sind höflich: "Danke, sehr gut!" Nach einer Weile stellt sich heraus, daß die Hamburger im allgemeinen (nach Ansicht dieser drei Ungarn) nicht so höflich sind wie die Budapester noch heute. "Dafür sind die Hamburger treu, offen, zuverlässig, nicht wahr?" Die drei Ungarn machen eine leichte Verbeugung.

Die drei sind Musiker und besuchen die Musikhochschule, wo sie Freistellen haben. Der erste – ein dunkler, breiter Typ, der zum Lachen neigt – ist Sänger, Baßbariton, und hat bei seiner Professorin Henny Wolff, deren Kunst und deren fröhlichwarmes Herz er rühmt, gerade die "Boris Godunow"-Arien studiert. Der zweite – feingliedrig und blond – ist Pianist und schätzt sich glücklich, den genialen Eduard Erdmann zum Lehrer zu haben. Der dritte, ein Geiger – ein schlanker, grüblerischer Junge – ist in der Meisterklasse des Violinprofessors und Konzertmeisters Hanke und durch die Förderung seines Lehrers bereits gelegentliches Mitglied eines Symphonieorchesters. Wirklich, es geht ihnen gut. Da es ihnen darauf ankommt, in ihren Studien vorwärtszukommen, könnte es ihnen – so finden sie – gar nicht besser gehen!

Manchmal musizieren sie gemeinsam in kleinen Hauskonzerten in und um Hamburg, so erst vor einigen Tagen, und der Beifall, den sie hatten, tat ihnen wohl. Aber eines passierte, was sie glücklich machte: Nach dem Konzert rief das Ehepaar, in dessen Haus der eine aufgenommen wurde, an der Stätte ihres kleinen Triumphes an: "Na, wie war’s?" Der Geiger betrachtete sein Rotweinglas. "Wenn wir von unseren kleinen Reisen zurückkommen, freuen wir uns schon bei der Heimfahrt auf unser Zuhause." Solche Wunder wirkt ein Telephonanruf...

Der erste, der Sänger, sagt, daß er manchmal fürchterliches Heimweh habe. Er stammt aus dem Burgenland, "aber von der Seite, wo nur Ungarn wohnen". Dort saß seine Familie auf einem Bauernhof und säße darauf noch heute, wenn nicht die Sowjetrussen gekommen und mit ihnen die Sowjetungarn hochgekommen wären. Heute ist sein Väter ein Bauer ohne Land und lebt von dem, was ein anderer Sohn, der in Ungarn blieb, für ihn erübrigen kann. Manchmal schreibt er; nichts Politisches, versteht sich. Er schreibt, daß es ihm gut gehe, daß er gesund sei, daß er wünsche, ihn, seinen Jungen, in die Arme zu schließen.

Die beiden anderen stammen aus Budapest und – Großstädter, die sie sind – haben sie neben allem Fremden, das Hamburg ihnen bietet, auch das Verwandte gefunden: das Großstädtische nämlich. Tritt diese ihre Herkunft im Gespräch mit Hamburgern zutage, so kommt es vor, daß sie hören, was das für eine Stadt sei, dieses Budapest: eine leuchtende Metropole mit Hotels und Vergnügungsstätten und mit Frauen, ach, was sag’ ich, mit Damen, elegant, geistvoll, graziös und stolz und modisch, überirdisch blonde Geschöpfe, geformt aus Charme, Lachen, Duft; ja, Budapest und die Donauinsel... Dann hören die drei höflichruhig zu: Erwachsene, die für Kinder gehalten werden und einem Märchen lauschen müssen, einer Legende, die süß und alt und unglaubwürdig ist. Ihr Budapest – ja, das war: Stiefel ungarischer und deutscher Soldaten, ein Weihnachtsfest, an dem die, Stadt eingeschlossen war, Hunger, Bomben, Kanonen, niederbrechende Häuser und dann die Stiefel russischer Soldaten... Frauen, die in Schlangen stehen, in Trümmern arbeiten; Männer, die aus voller Kehle Lenin und Stalin preisen; Cafés, in denen nur noch gemurmelt – anstatt geschwätzt und geflirtet – wird; überfüllte Straßenbahnen, in denen alle schweigen. Heimliches Debattieren in kleinem Kreis. Verborgenes Aufbegehren, ein erschütterndes Aufatmen, das die Brust weitet; Panzer, Trümmer, Flucht und – große Hilflosigkeit in einem überfüllten Lager und schließlich in einer fremden Stadt.