Mit einiger Verspätung erst hat man im Westen die Bedeutung jener kafkaesken Debatten begriffen, die seit nahezu zwei Jahren in Warschauer und Budapester Intelligenz-Klubs geführt wurden: über Herbstgedichte, Tierfabeln, Bühnenbilder, Jazzmusik und den Materiebegriff in Hegels Spätschriften. Es sieht nicht so aus, als hätten die Ereignisse der letzten zwölf Monate daran viel geändert. Noch immer wissen wir kaum, wie es in den Köpfen der Intellektuellen Osteuropas wirklich aussieht. Manche Hilfen gibt das Buch:

Heinz Kersten: "Aufstand der Intellektuellen. Wandlungen in der kommunistischen Welt. Ein dokumentarischer Bericht." Verlag Dr. Heinrich Seewald, Stuttgart; 189 S., 7,80 DM.

Kersten räumt mit dem Vorurteil auf, daß die Revolte der Intellektuellen von den Satellitenstaaten ihren Ausgang nahm und erst die Budapester und Warschauer Entwicklung zu vergleichbaren Erscheinungen in Leningrad und Moskau geführt habe. Denn dem "Neuen Frühling", den die polnische Schriftstellerin Irena Krzywicka im April 1956 verkündete, war ja das Moskauer "Tauwetter" längst vorausgegangen. Die Parole, unter der sich im letzten Herbst die Intellektuellen Osteuropas gegen die Stalinisten erhoben, war in Moskau viel früher ausgegeben worden. Es steht auf einem anderen Blatt, daß sich die polnischen, rumänischen, tschechischen, bulgarischen, ungarischen und mitteldeutschen Schriftsteller sehr bald mit den revisionistischen Forderungen ihrer sowjetischen Kollegen nicht mehr begnügten und Programme formulierten, die weit über das hinausgingen, was Ehrenburg, Simonow, Dudinzew, Granin und Kirsanow proklamiert hatten.

Kersten hat einen nahezu lückenlosen Katalog der Ketzereien zusammengestellt. Die Lektüre verleitet zu dem voreiligen Schluß, daß sich die Intellektuellen von der Moskwa bis zur Donau und Spree in geradezu ausschweifender Einmütigkeit dem Haß gegen die kommunistische Ideologie hingeben. Kersten reiht Zeugnis an Zeugnis, ohne jedoch den Versuch einer Differenzierung zwischen den einzelnen Mißfallenskundgebungen zu machen. Bedenkenlos wirft er marxistische, linkssozialistische, liberale, bürgerliche und nationalistische Kritiker in einen Topf. Er zollt jenem Vorgang wenig Aufmerksamkeit, der die "Revolutionen" von Warschau und Budapest erst möglich machte: der explosionsartig eingetretenen Verschmelzung zwischen den nationalen, antisowjetischen Empfindungen der unterdrückten Völker und der ideologischen Auflehnung gegen die marxistischen Doktrinen.

Kersten gibt eine Art Weißbuch der Ereignisse, die dem Oktober 1956 vorausgingen und in den Straßenkämpfen von Budapest ihren Höhepunkt fanden. Aber Weißbücher haben es mit der Vergangenheit zu schaffen und sind nur bedingt hilfreich, wenn es gilt, spätere Entwicklungen zu begreifen. Die Rebellion der Intelligenz hat in Warschau mit einem halben Sieg, in Budapest mit einem – vorläufigen? – Fiasko, in Pankow, Prag, Bukarest und Sofia mit einer kompletten Niederlage geendet.

Kersten zeigt überzeugend und detailreich, wie es dazu kam. Ausgangspunkt waren Artikel in der ZEIT, die der Verfasser dann – nicht immer zum Vorteil – erweitert hat. Noch immer, trotz Gomulka und Nagy-Kadar, ist uns die kommunistische Welt in mancher Hinsicht eine terra incognita. Welcher Art sind die Debatten, die heute auf den Schriftsteller-Kongressen in den Metropolen Osteuropas geführt werden? Polens Schriftsteller hatten am 4. November allen Flüchtlingen aus Ungarn Asyl angeboten; Ist es in den elf Monaten, die seitdem verflossen sind, zu Kontakten irgendwelcher Art gekommen?

Kaum ein westliches Presseorgan hat zum Beispiel über die Protestresolution berichtet, mit der sich zweihundertundeinundfünfzig ungarische Schriftsteller gegen die Ungarndebatte der UNO wandten, und die um so bemerkenswerter war, als zu ihren Unterzeichnern Männer zählten, die als Vorsitzende von Revolutionskomitees im vergangenen Oktober eine führende Rolle spielten. Manches spricht dafür, daß es zu einem Ausgleich zwischen dem Kadar-Regime und der oppositionellen Intelligenz gekommen ist – möglicherweise auf Grund von Zusicherungen, daß Kadar zumindest im kulturpolitischen Bereich auf die Linie Gomulkas einschwenkt.

Über Dinge dieser Art schweigt sich Kersten aus. Offensichtlich sind ihm auch hier wieder sprachliche Lücken hinderlich gewesen. Er verwandte das in deutscher Sprache vorliegende Material und mußte sich wohl oder übel mit dessen Unvollständigkeit abfinden. Er hat einen höchst nützlichen Bericht über Ereignisse gegeben, die heute schon der Geschichte angehören; Aber das ist nicht genug. Wolf Jobst Siedler