Zweimal innerhalb einer Woche hat Dr. Adenauer mit Vertretern der Arbeitgeberverbände über Fragen von Lohn und Arbeitszeit, über Preise und Konjunktur gesprochen. Es ging dem Kanzler hierbei (und bei seinem Gespräch mit dem DGB) nicht nur darum, sich unterrichten zu lassen. Es lag ihm daran, bei den "Sozialpartnern" eine Koordination der Ansichten darüber zu schaffen, wie man sich verhalten sollte, um – in dem Streit über Lohn und Arbeitszeit – den ruhigen Wirtschaftsaufstieg und die Stabilität des Preisniveaus nicht zu gefährden. Im Ziel ist man sich ja einig ... Die Idee, einen Bundeswirtschaftsrat zu schaffen, findet trotz des erneuten Vorstoßes der CDU-Sozialausschüsse kaum mehr Resonanz. Aber da man die Autonomie der Tarifparteien nicht einschränken will, ist der Staat daran interessiert, Wege für eine Verständigung der Tarifpartner zu finden.

Nun überschütten die Sozialpartner die Öffentlichkeit mit sehr gegensätzlichen statistischen Zahlen und Behauptungen über die lohnpolitischen Möglichkeiten. Auch amtliches Material wird gegensätzlich interpretiert. Könnte nicht eine Stelle diesen Streit "versachlichen" und ihn auf die entscheidenden Fragen konzentrieren, indem sie durch "objektives" Material darlegt, wie Reallohn oder Leistung sich entwickelt haben? Könnte nicht so der aktuelle Streit jeweils auf die entscheidenden Fragen konzentriert werden? Vielleicht könnte eine solche neue Stelle sich auch gutachtlich über die wirtschaftlichen Auswirkungen dieses oder jenes sozialpolitischen Schrittes äußern. Natürlich müßte sie so beschaffen sein, daß die Sozialpartner ihre Arbeiten als richtig und objektiv unterstellen und nicht wieder anfangen, sich darüber zu streiten ...

Eine derartige neutrale Institution würde natürlich nur einen Teil der strittigen Fragen klären können. Aber schon dies könnte ein Fortschritt sein, um die Tarifverhandlungen (später die anderen sozialpolitischen Gebiete) von manchen Gegensätzen zu befreien. Ihre Aufgabe brauchte nicht einmal darin zu bestehen, immer eindeutige Schlüsse zu bieten. So wäre schon manches gewonnen, wenn sie sagen würde, dies und jenes sei eindeutig, darüber hinaus aber wären unterschiedliche Schlüsse möglich – oder: das Material gestatte noch keine Schlüsse in dieser oder jener Richtung. Würden durch eine solche Arbeit die Sozialpartner nicht darüber informiert, über was zu streiten nicht mehr sinnvoll wäre? In dem Willen, die Daten und Schlüsse zu beachten oder mit andern Argumenten ihreursprünglichen Forderungen weiterzuverfolgen, müßten sie natürlich frei sein. Aber die Öffentlichkeit stände nicht mehr vor dem ärgerlichen Faktum, daß sie angesichts gegensätzlicher Behauptungen nicht beurteilen kann, was stimmt und welche Seite nun recht hat.

Allerdings ist es gar nicht leicht, aus wirtschaftlichen Daten und Vorgängen eindeutige Schlüsse zuziehen. Wieunterschiedlich wird bei uns (und in anderen Ländern) von "berufenen" klugen und erfahrenen Persönlichkeiten die Wirtschaftslage beurteilt. Aber die deutschen Konjunkturinstitute schaffen doch alle Halbjahre in scharfen Diskussionen schließlich eine einheitliche Ansicht über die Lage der Weltwirtschaft und der deutschen Wirtschaft. Sollte ähnliches im Kreise der sozialen Fragen in einem entsprechend zusammengesetzten Gremium nicht auch möglich sein? gesetzten handelt es sich nur um eine Idee, aber sie lohnt ein Durchdenken. F. L.