Nach den Erfolgen, die den wissenschaftlichen und diplomatischen Unternehmen der Sowjets in letzter Zeit beschieden waren, mag es tröstlich sein, daß der Kommunismus wenigstens an einer Angriffsfront einen klaren Rückschlag hinnehmen mußte. Peking gab bekannt, daß es in dem von rotchinesischen Truppen besetzten Tibet auf die Dauer von sechs Jahren keine weiteren Versuche zu gesellschaftlichen Reformen unternehmen werde. Schon Mitte dieses Jahres hatten 90 v. H. der chinesischen Agitations- und Propagandakader Tibet verlassen, eine Maßnahme, die dem Eingeständnis eines totalen Fehlschlages gleichkommt, und die – im wesentlichen als Erfolg der Neutralitätspolitik Nehrus zu werten ist, wenn dieser es auch sorgfältig vermeiden wird, sich in diesem Ruhm öffentlich zu sonnen. Wenn Tibet an einer anderen Stelle des Globus läge oder Nehrus kritische Einstellung zu der chinesischen Invasion des Landes im Jahre 1950 in Peking weniger deutlich geworden wäre, so hätte man die widerspenstigen Lamas zweifellos in Lager gesteckt, um ihr politisches Denken zu "korrigieren", und die Kommunisten würden sich auf dem Dach der Welt genauso aufführen wie überall sonst.

Mit einem Abzug der schätzungsweise 100 000 Mann starken chinesischen Truppen ist freilich nicht zu rechnen. Dazu ist der strategische Wert Tibets als einer Schlüsselposition zur Kontrolle Indiens für Peking zu groß. Sicher hat sich auch das Fernziel der chinesischen Politik nicht geändert. Aber die latente Opposition des Dalai Lama – der tibetanische Fürst hat nie öffentlich gegen den Kommunismus Stellung genommen – verbunden mit der ebenso diskreten Unterstützung dieses gewaltlosen Widerstandes durch Nehru haben auf friedlichem Wege wenigstens den politischen Rückzug der Kommunisten erzwungen. J. P.