Die Sonne macht Geschichte – Anregungen für Politiker und Wirtschaftler

Die Neugier des Menschen ist zuweilen erstaunlich. Selbst dort noch ist sie rege, wo ihre Chancen so gut wie Null sind: wenn es sich darum handelt, der Zukunft in die Karten zu gucken. Das "Morgen" ist ein verschleiertes Bild, und das "Übermorgen" ist es erst recht. Oder doch nicht? Gibt es irgendeinen Weg, diese Ungewißheit in Gewißheit zu verwandeln – nein, nicht den Weg über den Wahrsager, die Kartenlegerin und den allzu selbstsicheren Astrologen, sondern einen geraden Weg, den man ohne Scheu am hellichten Tage betritt? Ein Ausweg aus der Schwierigkeit wäre es, wenn es der Wissenschaft zum Beispiel gelänge, fortwirkende Gesetzmäßigkeiten des individuellen Lebens, der Völker und ihrer Geschichte zu ermitteln. Professor Dr. Hermann Kritzinger, Leiter des Instituts für Bioklimatik in Karlsruhe, hat sich seit Jahrzehnten mit zwei "Kurven" beschäftigt: mit der Tätigkeit der Sonnenflecke und mit den Kriegen der Neuzeit (siehe auch DIE ZEIT Nr. 19, "Ein Professor schaut in die Sonne"). Er hat ermittelt, daß beide Kurven eine auffällige Parallelität aufweisen. Heißt das schon, daß man, wenn man die Entwicklung der Sonnenflecken in den nächsten Jahren und Jahrzehnten voraussagen kann, zugleich Prognosen über künftige Kriege stellen kann? Welch eine Aussicht wäre das! Doch wir lassen hier Professor Kritzinger selbst sprechen.

In den letzten Jahrzehnten hat man sich in USA der Frage, wie Krisenzeiten vorauszuberechnen sind, mit besonderem Eifer gewidmet. E. R. Dewey und E.F. Dahin haben der Frage ein eigenes Buch gewidmet: "Cycles, the science of prediction". In dem Buch stehen Anregungen, die nicht nur den Wirtschaftler und Politiker interessieren könnten, hat doch nachweislich schon Bismarck seine politischen Dispositionen auf solchen zyklischen Überschlagsrechnungen aufgebaut.

Der Einfluß der Sonnenflecken, beziehungsweise der gesamten Sonnentätigkeit auf das Befinden des Menschen wurde schon vor dreißig Jahren von französischen Ärzten näher erforscht. An der Côte d’Azur beobachteten Sardou in Nizza und Faure in La Malou Hunderte von Kranken lange Zeit. Es zeigte sich, daß die Hälfte der kritischen Änderungen des Befindens mit dem Auftreten von größeren Sonnenfleckengruppen über dem Mittelmeridian des Tagesgestirns in Beziehung zu setzen war. Das damalige Beobachtungsmaterial ist leider nicht hinreichend ausgewertet worden.

Erst auf dem Pariser Symposion der Internationalen Gesellschaft für Bioklimatik Ende August 1956 wiesen verschiedene Teilnehmer darauf hin, daß die Umdrehung der Sonne in siebenundzwanzig Tagen sich so auffallend im Krankheitsgeschehen markiere, daß die Forschung aufmerksam werden müßte.

Es läßt sich zeigen, daß auch die Unfallhäufigkeit – zum Beispiel auf der vielbefahrenen Autobahnstrecke Heidelberg-Mannheim – eine solche Periode aufweist, und zwar nicht nur von siebenundzwanzig, sondern auch von dreizehneinhalb Tagen. Eine Vorhersage kann man darauf allerdings nicht aufbauen. Man kann aber die Wichtigkeit der Erforschung eines kosmischen Anteils am Unfallgeschehen erweisen.

In dem genannten amerikanischen Buch spielt ein Zyklus von etwa fünfundfünzig Jahren eine große Rolle. Er wurde von Professor Hermann Fritz in Zürich schon 1889 nachgewiesen und mit vielen Belegen ausgestattet. Es stellt sich heraus, daß an den auffälligsten langfristigen Zyklen der Sonnenflecken die beiden Planeten Uranus und Neptun beteiligt sind. Der beste Kenner der Sonnenflecken seit der Zeit ihrer Entdeckung (um 1610), Prof. Rudolf Wolf in Zürich, vermutete schon einen großen Zyklus von etwa hundertsiebzig Jahren, der auch von den genannten beiden Planeten gesteuert wird. Man kann das heute erst erkennen, da wir jetzt erst über zweihundert Jahre Sonnenbeobachtungen verfügen.