4. Das aufgeblähte bürokratische, ultrazentralistische System der Wirtschaftsführung wurde bereits und wird noch weiter in ein modernes, elastischeres und rationelleres System umgestaltet.

Die Methoden des administrativen Zwangs wurden zunehmend durch das Moment persönlicher Interessiertheit ersetzt und die Wirtschaftsleitung aufgelockert. Ein Beispiel: Im letzten Jahr der Stalin-Ära wurden 67 v. H. der sowjetischen Industrieproduktion von Betrieben erzeugt, die den zentralen Unionsministerien unterstanden und die sich in allen Einzelheiten deren Vorschriften zu beugen hatten; nur 23 v. H. kamen aus Betrieben, in denen die betreffende Unionsrepublik ein Mitspracherecht hatte. Nach dreijähriger Dezentralisierung unterstanden 1956 bereits 55 v. H. den Unionsrepubliken gegenüber nur noch 45 v. H., die in zentraler Hand verblieben. Aber das war nur der Anfang.

Mit der im Frühjahr 1957 begonnenen Wirtschaftsreform Chruschtschows (die allerdings nicht nur aus wirtschaftlichen Erwägungen erfolgte) sind nunmehr 28 Wirtschaftsministerien mit ihrem riesigen Apparat aufgelöst und an ihre Stelle 105 territoriale Wirtschaftseinheiten gesetzt worden, an deren Spitze sogenannte Volkswirtschaftsräte (Sownarchose) stehen, die weitgehende Vollmachten über die in ihrem Gebiet befindlichen Wirtschaftskräfte besitzen. Durch einen am 26. September 1957 veröffentlichten Beschluß soll nun auch die Planung dezentralisiert werden. Im Zuge all dieser Maßnahmen ist sowohl der Einfluß der örtlichen Behörden auf die Wirtschaft gewachsen, als auch die Rechte und Kompetenzen der 240 000 sowjetischen Betriebsdirektoren. Weitere Maßnahmen in dieser Richtung dürften sehr wahrscheinlich sein.

5. Diese Veränderungen, die meiner Auffassung nach viel besser als Modernisierung denn als Demokratisierung oder Liberalisierung zu bezeichnen sind – obwohl es durchaus möglich ist, daß eine konsequente Weiterführung dieser Maßnahmen auch zu einer wirklichen Demokratisierung führen könnte –, wurden schließlich durch einige soziale Maßnahmen ergänzt.

Die Stalinschen Zwangsarbeitsgesetze aus dem Jahre 1940, wonach ein Arbeiter für eine einmalige Verspätung von 20 Minuten zu pflichtmäßigen Erziehungsarbeiten am Arbeitsplatz bis zu 6 Monaten unter Zurückhaltung von 25 v.H. des Lohnes bestraft werden, konnte, wurden außer Kraft gesetzt, die freie Wahl des Arbeitsplatzes verkündet, die Renten erhöht, die 1940 eingeführten Studiengebühren wieder abgeschafft, der Arbeitstag auf 7 Stunden gesenkt. Diese und indere Maßnahmen zeigten, daß die nachstalinsche Führung zu erkennen begann, daß es der Unterstützung größerer Kreise des Volkes bedurfte, um die Modernisierung des Systems erfolgreich verwirklichen zu können,

6. Die Entmachtung des Stalinschen Terrorapparat es, der Übergang zur kollektiven Leitung, die Zurückdrängung der russischen Großmachtpolitik Stalins und die Abkehr von Stalins zentralistischer Wirtschaftsleitung wurde auch durch Veränderungen in der Ideologie begleitet.

Stalins "Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPdSU" und seine letzte Schrift "Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR" wurden seit 1953 schrittweise aus der Parteischulung verdrängt und schließlich auf dem 20. Parteitag öffentlich kritisiert. An die Stelle dieser und anderer zurückgedrängter Schriften Stalins stellte die nachstalinsche Führung das 1954 erschienene Lehrbuch Politische Ökonomie in den Mittelpunkt. Im Verlaufe einer großen Kampagne gegen "Zitatenmanie", "Buchstabengelehrtheit" und "Talmudismus" wurde das System der Parteischulung reorganisiert, so daß die Funktionäre heute in den Parteischulen wirtschaftliche Fachkenntnisse erhalten, darunter Kurse in Betriebsleitung, Leitung einer Kollektivwirtschaft und Wirtschaftsleitung im Rahmen eines Bezirks oder Gebietes. Durch Revisionen in der Geschichtsschreibung wurden besonders grobe Fälschungen – vor allem über die Rolle Stalins in der Parteigeschichte – ausgemerzt und durch neue Thesen ersetzt, die der historischen Wahrheit zwar immer noch nicht entsprechen, aber dieser zumindest etwas näherkommen. Gleichzeitig sind einige wichtige Thesen der Stalin-Ideologie, die der ideologischen Begründung seiner automatischen Herrschaft dienten, abgeschwächt oder sogar entfernt und durch andere, die den neuen Bedingungen mehr entsprechen, ersetzt worden. Die Stalinsche Ideologie ist noch keineswegs abgeschafft, aber sie ist bereits "relativiert", den neuen Erfordernissen angepaßt und damit ein Prozeß eingeleitet worden, der als "Modernisierung der Ideologie" bezeichnet werden könnte.

Im Zuge aller dieser Maßnahmen sind jene Lockerungen eingetreten, die und da Liberalisierung oder New-look genannt werden, wie etwa die häufigeren Reisen der Sowjetführer ins Ausland, die Öffnung des Kremls für die gesamte Bevölkerung, Erleichterungen für ausländische Diplomaten und ausländische Touristen, der versöhnlichere Ton auf, manchen internationalen Konferenzen, das Erscheinen von Büchern, die unter der Stalin-Ära nie herausgekommen wären.