An der Börse war man nicht bereit, die Regierungserklärung mit Vorschußlorbeeren zu bedenken. Niemand zweifelt daran, daß zwischen Ankündigung und tatsächlicher Durchführung der Kapitalmarktförderung noch einige Zeit verstreichen wird, so daß Zeit genug bleibt, um mit Anlagewünschen zum Zuge zu kommen. Bei der abwartenden Haltung spielt die Tendenz auf den Auslandsbörsen eine wesentliche Rolle. Im Zuge der dort herrschenden labilen Stimmung wird auch noch in den nächsten Wochen Material vom Ausland an die deutschen Börsen zurückfliegen; eine Aufwärtsbewegung an den deutschen Märkten würde die Realisationsneigung der ausländischen Kundschaft verstärken, die mit Gewinn aus ihren deutschen Papieren herauszukommen sucht. Dazu will niemand Hilfestellung leisten. Andererseits zeigen die anhaltenden Käufe der Investment-Gesellschaften, daß die Sachverständigen zunächst nicht an größere Schwächeperioden glauben.

Stimmungsmäßig beeinflußt wurde die Börse durch die wenig günstigen Nachrichten aus der Nutzkraftwagenindustrie, die man jedoch nicht überbewerten sollte, wenn es sich um Betriebe mit einem vielseitigen Produktionsprogramm handelt. MAN, wo Arbeiter entlassen wenden mußten, hat sich mit der Bekanntgabe ihres Jahresergebnisses für 1956/57 (30. 6.) beeilt und kritische Stimmen, die einen negativen Einfluß auf die Dividende befürchteten, durch eine Erhöhung des Satzes auf 10 (9) v. H. zum Schweigen gebracht. Ob eine solche handfeste Antwort auch bei den Gesellschaften der Zweiradindustrie gegeben werden kann, muß leider bezweifelt Verden. Im Falle NSU, deren Aktienkurs jetzt auf 126 1/2 v. H. zurückgefallen sind, befürchtet die Börse, daß sich unter Umständen der für 1956 auf 8 (10) v. H. reduzierte Satz für 1957 nicht halten läßt.

Überaus befriedigend sind die Vorgänge bei den festverzinslichen Werten. Mit kleinen Unterbrechungen hält hier die Anlageneigung an. Nach Feststellungen der Industriekreditbank lag der Absatz der in letzter Zeit begebenen Industrieobligationen an das Privatpublikum jeweils zwischen 50 und 90 v. H. Der "marktgerechte" Zins hat also einen Einbruch in die "Vorhöfe des Kapitalmarktes" erzielt, der sich auf den ganzen Rentenmarkt belebend ausgewirkt hat, auch bei den vier- und fünfprozentigen Pfandbriefen, deren Steuervorteile jetzt wieder entdeckt worden sind. Erwartungsgemäß wurde die 7 1/2prozentige Postanleihe rasch placiert. Für bestimmte Anlegergruppen war sie besonders interessant. Rege Nachfrage besteht auch für die neue Karstadt-Anleihe, die schon vor dem offiziellen Zeichnungstermin als untergebracht galt. Bleibt die Lage so, wie sie gegenwärtig ist, dann ist der siebenprozentige Typ im kommenden Frühjahr in Sicht, zumal wenn die Propheten, die von einer Diskontsenkung zu Beginn des nächsten Jahres sprechen, recht behalten sollten.

Der sinkende Zinsfuß auf dem Rentenmarkt bringt die festverzinslichen Papiere in Wettbewerb zu den Aktien, deren Erträge allerdings vorläufig noch durch die Kapitalertragssteuer vorbelastet sind. Aber das kann sich ändern, wenn die Regierung mit der Kapitalmarktförderung ernst macht. Die "Vorkäufe" potenter Gruppen haben also einen guten Grund. Deutlich sichtbar wurde sie bei den Bank-Aktien, die ihren leichten Anstieg fortsetzen konnten. Aus dem Rahmen fielen dabei die Papiere der Commerz- und Credit-Bank. Hier wollte ein Informationsdienst von einer beabsichtigten Kapitalerhöhung gehört haben. Dazu muß man wissen, daß die gleichen Gerüchte bereits vor einigen Wochen von der Verwaltung dementiert worden sind. Der Kursanstieg bei der Berliner Handelsgesellschaft wird mit der möglichen Ausschüttung, von Gratisaktien in Zusammenhang gebracht, die vorgenommen werden soll, falls die Besteuerung solcher Aktien beseitigt werden wird. Als weitere Aspiranten für Gratisaktien nennt die Börse: AG für Verkehrswesen, Dynamit Nobel und Deutsche Linoleum.

Auf dem Montanmarkt war die Tendenz stagnierend. Schuld daran ist die Klöckner-Dividende. Wenngleich vor der Illusion gewarnt werden muß, der Dividendenanstieg der letzten Jahre könnte sich im gleichen Ausmaß noch fortsetzen, so sollten sich die Gesellschaften doch davor hüten, ein Nachlassen der Konjunktur sofort auf die Dividende zurückschlagen zu lassen. Aber gerade das wird bei der Montanindustrie befürchtet. -ndt