Der Mythos von Orpheus, dem ersten großen Musiker dieser Erde, hat mehr als einmal eine Rolle gespielt, wenn es sich um Schicksalsfragen der Oper als Musikgattung handelte. Etwa um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts bediente sich seiner Christoph Willibald Gluck für seine aufsehenerregende Opernreform. Anderthalb Jahrhunderte vorher hatte schon Claudio Monteverdi denselben Stoff genutzt, als er die allerorten planlos vegetierenden Masken-, Mysterien- und Religionsfestspiele zusammen mit noch wuchernden Arten wilder Bühnenmusik bewußt, und vor allem systematisch, zu einer neuen, einheitlichen Form zusammenzufassen unternahm. Dieser neuen Form legte er eine durchgehende Handlung zugrunde.

Claudio Monteverdi: "L’Orfeo." Herausgegeben von August Wenzinger. Helmut Krebs / Hanni Mack-Cosack / Margot Guilleaume u. a. / Historisches Orchester der Musiktage Hitzacker / Chor der Musikhochschule Hamburg / Dirigent A. Wenzinger (DG 14 057/58).

Wichtig ist das Prinzip, um das es in beiden Fällen ging: die der Musik innewohnende dramatische Kraft in ihrer Verbindung mit dem gesprochenen Wort herauszuarbeiten und formal zu befestigen. Gluck hatte gegen die Überwucherung dieses Prinzips durch Ausstattungsrummel und einen verspielten Gesangsstil Front gemacht. Monteverdi und seine Florentiner Auftraggeber aber zeichnete das Bestreben aus, die wieder zu frischem Leben gelangte griechische Tragödie musikalisch zu gestalten und in ihr eine Art Vermählung des Tones mit dem Wort auf emotionaler Grundlage herbeizuführen.

Glücks Reform war also eine Reinigungskur, die den ursprünglichen Zweck Monteverdis mit moderneren Mitteln und unter Zuhilfenahme einer strafferen Dramaturgie wiederherstellte. Sein großer Vorgänger hatte gleich beim ersten Versuch ins Schwarze getroffen: die Intensität des musikdramatischen Ausdruckes zu sichern. Wie wenig Wert Monteverdi dabei auf die Bühne als selbständigen Faktor der Gattung legte, geht daraus hervor, daß er seinen Orfeo ebensogern als Konzert aufführte wie im Theater.

Wenn sich die weitere Entwicklung der Operngeschichte immer wieder um den Gegensatz zwischen den musikalischen und den visuellen Elementen dreht, so steht das Wort in diesem Zwiestreit ohne Zweifel im Lager der Musik. Die szenischen Belange spielen nicht nur keine grundsätzliche Rolle, sondern sie sind darüber hinaus beliebig wandelbar – wie wir es unter vielen anderen Beispielen heute sogar in Bayreuth erleben.

Die vorliegende Aufnahme hat im vierten und fünften Akt Kürzungen erfahren. Sie sind indessen so geringfügig, daß sie nur dem pedantischsten Musikphilologen Kopfschmerzen machen könnten. Dafür aber weist die Darstellung zwei seltene Treffer auf: den stilreinen, dramatischen Gesang von Helmut Krebs, einem unserer besten. Sänger, der inzwischen in die internationale Klasse aufgerückt ist, und das mit viel Bemühen von August Wenzinger nach zeitgenössischen Vorbildern zusammengestellte Orchester. Es bringt die Farben vollendet heraus, ohne jemals in die grellen Wirkungen zu verfallen, die wir bei der sogenannten alten Musik ja oft fürchten.

Es handelt sich hier um eine jener exzeptionellen Aufnahmen der Archivproduktion, die dokumentarischen Charakter besitzen. Chr.