Es ist sehr eng. Den Kopf auf die Pfoten gelegt, den Körper umschlossen vom "Weltraumanzug", die Brust durchbohrt von einer Kanüle, die ihr flüssige Nahrung zuführt, so liegt die kleine Polarhündin unbeweglich, während ihr Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von 80 Kilometern pro Sekunde in einer Höhe von 1500 Kilometern um die Erde rast. Manchmal blitzt automatisch eine winzig kleine Fernsehkamera auf; dann blinzelt Lajka mit ihren dunklen Augen hinter der Maske, die unförmig ihren schmalen, spitzen Kopf umgibt. Ihr Name ist ein Vocativ: "Belle!", aber die Menschen, die sie droben am Himmel eingesperrt halten, glauben nicht, daß Lajka bellen wird, sobald der Lichtstrahl aufflammt; sie sei ein wohldressiertes Hündchen, und an grelles Licht gewöhnt. Vielleicht stöhnt sie ...

Der Sputnik II, der seit Sonntag rund um den Weltball zieht, ist die Verkörperung des Fortschritts. Jener piepte nur; dieser aber summt. Jener war bloß für Messungen der unbekannten Atmosphäre präpariert, in der er jetzt stumm und nutzlos herumfliegt; dieser mißt aber auch das – und sendet zur Erde nieder –, was in seinem Inneren vorgeht: hier pulst Blut, hier atmen Lungen, zittern Nerven. Von "herzloser Technik" darf danach nicht länger mehr die Rede sein. Denn Sputnik hat – auf dem Weg von I nach II – ein Herz bekommen. Und mag es auch das Herz eines Hündchens sein: es werden sich – auf dem Wege von Sputnik II bis X – wohl noch Menschen finden lassen, die, gefesselt und künstlich ernährt und auf dem Bauche in enger Druckkammer liegend, uns ihren Herzschlag hören lassen. "Die Entwicklung unserer Wissenschaft", so schrieb die Prawda, "gibt eine anschauliche Demonstration der großen Überlegenheit des sozialistischen Systems über den Kapitalismus und des historischen Sieges der Sowjetunion und der weisen Führung der Kommunistischen Partei ..." Vielleicht, daß der erste mit künstlicher Nahrung, künstlicher Luft und mit entsprechenden Fesseln versorgte Sputnik-Mensch Worte wie diese auf seinem Höhenflug den Bewohnern aller Kontinente zurufen oder zumorsen wird, auf daß er dem Namen seiner Vorgängerin Ehre macht: Lajka ... belle!

Das Schicksal des Hündchens, von dem wir wissen, daß es klopfenden Herzens über unseren Köpfen dahingewirbelt wird, hat alle Welt empört. Es hagelt Proteste, und Kindergebete dringen sogar noch über jene Region hinaus, in der das Tier herumfliegt. Jetzt merkten die Sowjets zu ihrer Verblüffung – und ließen es durch, beruhigende tierfreundliche Erklärungen ahnen –, wie höchst unklug sie gehandelt hatten, als sie ausgerechnet einen Hund in die Luft schossen. Hätte’s nicht eine Katze oder besser, noch: ein Affe sein können? Da wären die Proteste schon geringer gewesen. Am besten: eine Schildkröte, nein: ein Hase. Man darf bezweifeln, ob dann Mitleid mit der gepeinigten Kreatur sich zu solch weltweiten Protesten gesteigert hätte. Und ein Hasenherz schlägt auch.

Die Russen hätten wissen sollen, daß es in Europa und in den von Europäern besiedelten Teilen der Welt unter den Tieren keinen besseren Freund des Menschen gibt als den Hund: er hat des Menschen Freundschaft angenommer und schenkt ihm dafür freiwillig seinen Gehorsam. Manch eine Frau und manchen Mann – von allen verlassen – hält die Treue eines Hundes noch am Leben fest. In Rußland war das allzeit anders. Kaum jemals sieht man Hunde in Moskaus Straßen; und in der ganzen Sowjetunion ist man bereit, den Wert des Hundes einzig nach seinem Nutzen zu messen.

"Aber da haben wir’s ja: Wer so den Wert eines Hundes betrachtet, wird den Wert eines Menschen nicht anders messen!"

Freilich, da haben wir’s! Wenn die Hündin Lajka halb lebend, halb tot, zurückkehren sollte, nachdem ein auf Fernwirkung eingerichteter, vom Boden aus gesteuerter Mechanismus sie aus der qualvollen Enge herauskatapultiert und ein Fallschirm sie zu Boden getragen hat, dann wird man – verlaßt euch drauf! – nicht ruhen und rasten, bis ein Sputnik gebaut ist, groß genug, einen Mann hineinzuzwängen. Ob Hund, ob Mensch – sie werfen alles in einen Topf, beziehungsweise in einen Raketenkopf.

J. Müller-Marein