"Montserrat" und "Don Quijote": die beiden Figuren repräsentieren Spanien auf vollkommene Weise. Wollte ein Spanier einem Fremden, einem Deutschen oder Amerikaner oder einem Marsbewohner, "das Spanische" erklären, er könnte das nicht einfacher und einleuchtender tun als mit den Eisenskulpturen von Julio Gonzalez. Montserrat heißt der heilige Berg Kataloniens, heißen die katalanischen Bäuerinnen (Gonzalez ist Katalane und 1876 in Barcelona geboren).

Die "Montserrat" ist die Frau aus dem Volk, die Gonzalez in seiner Jugend hundertmal gesehen hat, die Bäuerin, die von der Arbeit nach Hause geht, das Haar in ein Kopftuch gebunden, in der rechten Hand die Sichel, auf dem linken Arm das Kind: ein unförmiges Paket mit Eisentroddeln. Die "Montserrat" stand 1937 vor dem -spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung – das künstlerische Gegenbild zu "Guernica", das im Innern des Pavillons hing.

Anders als sein Landsmann und Freund Picasso hatte Gonzalez keinen wilden, verzweifelten und aggressiven Protest gegen Krieg und Diktatur erhoben. Er hatte sich damit begnügt, seine sehr friedliche, von Krieg und Revolution unberührte und unberührbare "Montserrat" hinzustellen, womit das Grauenhafte freilich nicht weniger wirkungsvoll angeprangert wurde, als mit Picassos direktem Angriff. Es existiert allerdings noch eine andere Montserrat, die zur gleichen Zeit entstandene "Schreiende Maske", eine plastische Parallele zur "Weinenden Frau" Picassos. Und in seinem Todesjahr 1942 hat Gonzalez das Thema der "Montserrat" noch einmal aufgenommen: sein letztes Werk ist der Kopf einer alten Bäuerin mit zum Schrei aufgerissenem Mund.

Gonzalez hat auch Don Quijote, die "traurige Gestalt", geradezu wörtlich ins Eisen übersetzt. Das Klapprige und Stolze, das wild Entschlossene und rührend Hilflose hat er aus ein paar verbogenen Eisenstäben, Blechstücken, aus Abfall zusammengeschmiedet. Ist das nun eine realistische oder abstrakte Figur? Wem es Spaß macht, der mag sich darüber den Kopf zerbrechen. Der "Don Quijote" ist. so realistisch, daß sogar der melancholische Schnauzbart nicht vergessen wurde, und so abstrakt, daß ein armseliger Eisenbügel die Stelle des Leibes einnimmt. Die Theoretiker möchten bei Gonzalez gern eine Entwicklung von naturnahen zu abstrakten Formen konstatieren. Aber das Werk spricht dagegen. Beide Möglichkeiten laufen nebeneinander her. Seine realistische "Montserrat" ist von 1937, der schon abstrakte "Don Quijote" von 1929.

Damals, Ende der zwanziger Jahre, hatte Gonzalez gerade erst begonnen, in Eisen zu arbeiten. "Es ist hohe Zeit, daß dieses Material aufhört, mörderisch zu sein oder auch nur einer mechanisierten Wissenschaft zu dienen. Das Tor ist heute weit geöffnet, damit dieses Material in das Reich der Kunst eindringe und geschmiedet und geformt werde von friedlichen Künstlerhänden." Der Ausspruch gehört zu den wenigen überlieferten und verbürgten Leitsätzen des Bildhauers, und er mag beweisen, daß ihm das Eisen mehr als einen zufälligen oder beliebigen Werkstoff bedeutete. Gonzalez gilt als Erfinder der modernen Eisenkunst. Durch seine Eisenplastik ist er berühmt, und, nach seinem Tode, weltberühmt geworden. Durch ihn ist das Eisen künstlerisch in Mode gekommen.

Die "iron-boys", wie sie in England etwas respektlos genannt werden, und die zahlreichen Eisenplastiker im übrigen Europa und in Amerika lassen sich unschwer auf ihn zurückführen, obgleich, er, Gonzalez, durchaus nicht der erste gewesen ist, der mit dem Eisen arbeitete. Archipenko und Laurent etwa haben das Eisen lange vor ihm erprobt, als sie die malerischen Entdeckungen des Kubismus für die Plastik auswerteten, und auch die russischen Konstruktivisten