Bitte entschuldigen Sie, wenn an dieser Stelle schon wieder vom Finanzamt die Rede sein muß! Aber: da steuerliche Gesichtspunkte nicht nur das geschäftliche Leben bestimmen, sondern auch weitgehenden Einfluß auf private Dispositionen haben, läßt es sich zum Jahresende nicht vermeiden, daß über Steuerfragen häufiger als sonst gesprochen wird. Wenn nicht alles trügt, werden wir als Weihnachtsgeschenk vom Staat die Einkommensteuererklärung für 1956 erhalten; vielleicht wird man höflicherweise mit ihrer Versendung auch noch bis nach Neujahr warten. Die Frist zum Ausfüllen der Steuererklärung soll kürzer sein als in den Vorjahren, um den Zeitverlust aufzuholen, der durch das völlige Neu-Überarbeiten der Einkommensteuerrichtlinien eingetreten ist. (Die neuen Bestimmungen mußten auf den höchstrichterlichen Spruch über die gemeinsame Veranlagung der Ehegatten abgestellt werden.) Nun, die Einkommensteuerpflichtigen sind in allen Fällen, in denen sie mit einer Steuernachzahlung rechnen müssen, über diese Verzögerung keineswegs böse. Wenn sie vorsorglich das Geld zurückgelegt haben, konnten sie es für sich ,,arbeiten" lassen – auf dem Sparkonto oder in Anleihen.

Eng verbunden mit der Einkommensteuer ist die Kapitalertragsteuer, denn sie ist fast stets – einige Ausnahmen gibt es – eine Vorauszahlung auf die Einkommensteuer. Bei Dividenden und Wandelobligationen beträgt sie 25 v. H., bei den Zinsen einiger Schuldverschreibungen 30 v.H. Mit der 30prozentigen Kapitalertragsteuer gilt die Einkommensteuer aber in jedem-Fall als abgegolten. Einkommenstenerpflichtige, deren Kapitalerträge einem 30prozentigen Abzug unterlegen haben, können jedoch beantragen, daß auch diese Erträge, zusammen mit den übrigen Einkünften, veranlagt werden. Einen derartigen Antrag wird man immer dann stellen, wenn man in der Einkommensteuerspitze einen geringeren Satz als 30 v. H. erreicht.

Diese Überlegungen braucht man bei der 25prozentigen Kapitalertragsteuer nicht anzustellen; sie wird stets nur als Vorauszahlung behandelt. Wer in der Einkommensteuerspize einem Steuerabzug von weniger als 25 v.H. unterliegt, dem werden die zuviel abgezogenen Beträge gutgeschrieben; im umgekehrten Falle muß nachgezahlt werden. Beispielsweise kann ein Steuerpflichtiger mit vier Kindern, der Dividenden von 7000 DM bezogen hat und über keine, sonstigen Einnahmen verfügt, die darauf einbehaltene Kapitalertragsteuer im vollen Umfang erstattet erhalten, weil er laut Steuertabelle bei diesem Einkommen noch keine Steuer zu entrichten hat.

Nun ist an dieser Stelle mehrfach von der 600-DM-Grenze die Rede gewesen, unterhalb der Kapitalerträge – wie man gewöhnlich sagt – steuerfrei bleiben. Diese Formulierung hat Mißverständnissen Anlaß gegeben, so daß es sich lohnt, auf diesen Punkt etwas näher einzugehen, obwohl die Materie deshalb sehr schwierig darzustellen ist, weil es hier eine Vielzahl von Varianten gibt. Mit der 600-DM-Grenze hat es folgende Bewandtnis:

Steuerpflichtige mit Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit (also Lohnsteuerpflichtige), deren Jahreseinkommen unter 24 000 DM bleibt, und die daneben Einkünfte sonstiger Art von nicht mehr als 600 DM jährlich haben, werden nicht zur Einkommensteuer veranlagt. (Ausnahme: Bezieht der Steuerpflichtige aus mehreren Dienstverhältnissen Einkünfte und übersteigt der Gesamtbetrag 4800 DM, dann findet ebenfalls eine Veranlagung statt).

Nehmen wir hier einmal an, daß eine Veranlagung nicht stattzufinden braucht, dann können Zinsen aus Anleihen, die an und für sich tarifsteuerpflichtig sind, steuerfrei bis zu einem Betrage von 600 DM vereinnahmt werden. Wer also Stücke der neuen hochverzinslichen Industrieobligationen erworben hat, braucht unter Umstanden auf seine Zinseinnahmen keinen Pfennig Steuern zu zahlen! Für Steuerpflichtige, die zur Einkommensteuer veranlagt werden, gilt dies jedoch auf keinen Fall.

Was ist aber, wenn die "sonstigen Einnahmen" die 600-DM-Grenze überschreiten? Dann, meine verehrten Leser, überprüfen Sie zunächst, ob und wieviel dieser sonstigen Einnahmen von der 30prozentigen Kapitalertragsteuer betroffen waren. Um diese Beträge können Sie ihre "sonstigen Einnahmen" beruhigt kürzen, denn sie spielen für die weitere Berechnung zunächst keine Rolle mehr. Bleiben Sie aber nach deren Abzug noch immer über der Grenze von 600 DM, dann müssen Sie die Veranlagung zur Einkommensteuer fordern. Aber es gibt einen Trost, nämlich eine sogenannte Härteregelung. Übersteigen nämlich Ihre Nebeneinkünfte (Mieten, Kapitaleinkünfte usw.) 700 DM jährlich, so erhalten Sie auf Antrag einen Freibetrag in Höhe der Differenz zwischen dem Betrag von 600 DM und dem um 700 DM gekürzten Beitrag der Nebeneinkünfte. Das hört sich komplizierter an, als es tatsächlich ist. Beispiel: Ihre Nebeneinkünfte machen 800 DM jährlich aus. Dann kürzen Sie diese um 700 DM, also auf 100 DM; die Differenz zu 600 DM ergibt einen Freibetrag von 500 DM. Tatsächlich versteuern Sie dann nur 300 DM.