Ein tiefgreifender Wandel: Anpassung an die moderne Industriegesellschaft, nicht Liberalisierung

Von Wolf gang Leonhard

Nach 30 Jahren Stalin-Regime hat die Sowjetunion nun vier Jahre ohne Stalin hinter sich gebracht. Vier turbulente Jahre, die auch für den Außenstehenden deutlich werden ließen, daß sich das Sowjetreich in einer Periode totaler Transformierung befindet. Wir haben Wolfgang Leonhard, der wie kaum ein anderer berufen scheint, das Wesen dieser Umwandlung zu untersuchen, gebeten, uns seine Analyse der Situation zu geben. Leonhard, Sohn der kommunistischen Schriftstellerin Susanne Leonhard und des sowjetischen Botschafters in Wien, Berenski, verließ 1933 zwölfjährig mit seiner inzwischen geschiedenen Mutter Deutschland. Sie wurde 1936 in Moskau verhaftet und verbuchte 12 Jahre in sowjetischer Gefangenschaft, während ihr Sohn im sowjetischen Stil erzogen wurde. Er besuchte die Moskauer Universität, das Lehrerinstitut in Karaganda (Kasachstan) und die Komintern-Schule in Kuschnarenkowo (Baschkirien). 1945 wurde Leonhard nach Berlin geschickt, wo er – bis er sich 1949 absetzte – Lehrer an der SED-Partei-Hochschule war. Wolfgang Leonhard hat in seinem aufsehenerregenden Buch "Die Revolution entläßt ihre Kinder" eine aufschlußreiche Darstellung der sowjetischen Erziehungsmethoden gegeben und das kommunistische Leben in der Partei geschildert.

Am 7. November 1957 wird in der gesamten Sowjetunion der 40. Jahrestag der Oktoberrevolution gefeiert. Wie bei ähnlichen Ereignissen in der Vergangenheit sind auch diesmal langatmige Thesen der Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees herausgegeben worden, und die Formen, des Staatsjubiläums unterscheiden sich wenig von denen der Stalin-Ära. Dennoch ist unbestreitbar, daß sich diese 40-Jahr-Feier der Oktoberrevolution inmitten einer Umgestaltung abspielt, die mit dem 5. März 1953, dem Tod Stalins, beginnt.

Das Ableben des Diktators stellt in gewisser Hinsicht einen Wendepunkt dar, den Beginn einer anders gearteten Richtung in der politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Entwicklung der UdSSR. Es liegt mir fern, den Tod Stalins etwa als alleinige Ursache für die 1953 begonnene Wandlung zu betrachten, aber dieses Ereignis war der Anlaß dafür, daß den inzwischen in der Sowjetgesellschaft herangewachsenen Kräften die Möglichkeit geboten wurde, schrittweise ihre Bestrebungen und Ziele verwirklichen und die seit langem notwendig gewordenen "Reformen von oben" durchführen zu können.

Was hat sich verändert?

In den meisten Gesprächen, die sich mit der Wandlung nach Stalins Tod beschäftigen, wird die Frage gestellt, ob es sich bei den Veränderungen um eine echte Liberalisierung oder nur um taktische Manöver handelt. Und ferner, ob die Sowjetführer weiterhin an ideologischen Richtlinien festhalten oder ob sie diese über Bord geworfen und durch realpolitische Erwägungen ersetzt hätten. Eine solche Fragestellung scheint mir an dem Kern des Problems vorbeizugehen, denn die Veränderungen können durchaus echt sein, ohne deshalb bereits eine Liberalisierung darzustellen, und die Sowjetführer können durchaus an ideologischen Richtlinien festhalten – solange sie entschlossen sind, diese schrittweise den neuen realpolitischen Notwendigkeiten anzupassen. Und genau dies, so scheint mir, ist in den viereinhalb Jahren nach Stalins Tod geschehen. Unzweifelhaft haben sich auf fast allen Gebieten des öffentlichen Lebens bedeutsame Veränderungen vollzogen. Die wichtigsten Wandlungen könnten folgendermaßen zusammengefaßt werden: