In Kassel wurde der Fünf-Tage-Unterricht erprobt – Ein gutes Experiment mit zwielichtigen Resultaten

Von Heinrich David

A njedem Freitagnachmittag beginnt für 147 Kasseler Mittelschüler sowie für ihre Eltern ein freies Wochenende, das erst am Montagfrüh kurz vor acht Uhr endet. Die Väter und die Mütter genießen die Vorteile der fünftägigen Arbeitswoche doppelt, seitdem auch ihre Kinder am Samstag "frei" haben. Aber auch für die Eltern von über 300 weiteren Mittelschülern sieht das Wochenende jetzt anders aus: während die Väter (und manchmal auch die Mütter) in diesen Familien samstags noch arbeiten, sitzen die Kinder zu Hause herum. Nicht alle Eltern begrüßen das.

Der Fünftage-Unterricht an der neuen Kasseler Mittelschule in der Schützenstraße ist als Versuch darum so aufschlußreich, weil in Hessen erst vor wenigen Monaten neue Bildungspläne und Stundentafeln eingeführt worden sind. So gibt es einen besonders zuverlässigen Maßstab für die Leistungen der Fünftäge-Schule. Legt man jene Stundentafeln zugrunde, läßt sich auch sehr leicht berechnen, wie groß der personelle und finanzielle Mehrbedarf des Kasseler Schultyps im Vergleich zur sechstägigen Normalschule ist...

Die Mittelschule an der Schützenstraße ist jetzt eine Tagesheimschule, in der die Kinder auch Mittag essen können. Daß aber die meisten – fast alle, die keinen allzu weiten Schulweg haben – doch noch nach Hause gehen (die Mittagspause dauert von 12.30 bis 14.30 Uhr) war eine Überraschung für Rektor Werner. Er hatte angenommen, daß die Zahl der "Schlüsselkinder", die mittags eine leere Wohnung vorfinden und von ihren berufstätigen Müttern erst gegen Abend ein warmes Essen vorgesetzt bekommen, viel größer sei.

Die Befürworter der Tagesheimschule werden den Einwand ihrer Gegner nicht so leicht entkräften können, daß nur sehr wenige Kinder in der Mittagszeit ohne elterliche Betreuung seien und daß ein ohne Not geschaffenes "Kollektiv-Mittagsmahl" lediglich weitere Mütter verführen werde, sich eine Arbeitsstelle zu suchen, weil ihre Kinder sie tagsüber ja nicht mehr brauchen.

Von den Jungen und Mädchen, die mittags zum Essen nach Hause gehen, kommen die meisten schon vor Beginn der "Nachmittags-Betreuung" (um halb drei Uhr) wieder in die Schule zurück, um mit ihren Klassenkameraden zu musizieren, Tischtennis- und Fußballwettkämpfe zu veranstalten oder Schach zu spielen. Hierfür stehen Schulzimmer zur Verfügung, und es gibt auch einen "Schweigeraum" mit Leseecken. Freilich: es sind die gleichen zwölf Klassenzimmer, in denen vormittags unterrichtet, mittags gegessen oder musiziert und nachmittags bei ausgesprochen "dicker Luft" anderthalb Stunden lang gebüffelt wird.