Fritz Berg, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, hat am 31. Oktober in Münstervorder "Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe" ein umfassendes wirtschaftspolitisches Programm entwickelt, das durchaus als Seitenstück zu den in der Regierungserklärung vom 29. Oktober enthaltenen Darlegungen wirtschaftspolitischer Art gelten kann, zumal es sich – im Grundsätzlichen kaum abweichende Nuancen enthaltend – sehr viel stärker auf konkrete Einzelpunkte bezieht. Da die Tagespresse wie auch die eigentlichen Wirtschaftsblätter nur verhältnismäßig kurze Auszüge aus dieser jüngsten Berg-Rede veröffentlicht haben, halten wir es für erforderlich, unseren Lesern die Möglichkeit eines genaueren Studiums des "Programms von Münster" zu geben. In dem hier folgenden Auszug beschränken wir uns auf Einzelheiten von unmittelbar praktischer Bedeutung – Unter Weglassung beispielsweise auch jener vielbeachteten unddurchaus zutreffenden Betrachtungen, die Herr Berg über die Aufgaben der Verbände in einem demokratisch-parlamentarischen Staatswesen angestellt hat.

Was erwarten wir von dem neuen Bundestag und von der Bundesregierung? – Welche Aufgaben ergeben sich vom Standpunkt der Wirtschaft aus für die Politik der nächsten vier Jahre?

Wir wollen unser ehrliches Geld behalten, damit dem Arbeiter sein ehrlicher Lohn auch in Zukunft zuteil werden kann. Das aber heißt, daß wir Lohnfragen nicht als Machtfragen betrachten, die wirtschaftlichen Gesetze nicht mißachten dürfen und unter allen Umständen verhindern müssen, daß sich die verhängnisvolle Lohn/Preis-Spirale weiter und weiter dreht und eine Lohnlawine in breiter Front ins Rollen kommt.

Reform des Kapitalmarktes

Der Kapitalmarkt ist nur dadurch zu sanieren, daß einmal mehr gespart wird und zum anderen der kapitalfeindliche Zuschnitt des deutschen Steuerrechts beseitigt wird. Weil der Kapitalbedarf der deutschen Volkswirtschaft nach wie vor außerordentlich hoch ist, die Kapitalbildung aber durch die zunehmende Verbrauchsneigung bedrängt und eingeengt wird, muß die Kapitalmarktreform in den Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Arbeit rücken.

Selbstfinanzierung muß "so" bleiben

Hier ist leider festzustellen, daß manche Vorschläge, die in den vergangenen Monaten zur Kapitalmarktreform gemacht worden sind, zum Teil gegen die Industrie gerichtet sind. Immer wieder wurde an der Selbstfinanzierung Kritik geübt. Was wir an der Selbstfinanzierung haben und gehabt haben, das wissen wir. Was uns eine Kapitalmarktreform bringen wird, wissen wir nicht, solange es nicht zu einer zuverlässigen Rangordnung unter den Nachfragern am Kapitalmarkt kommt. Von der Art, wie Parlament und Regierung künftighin das Sparen fördern und damit eine Grundlage für die Reform des Kapitalmarkts schaffen, hängt es ab, wieweit es der Industrie möglich sein wird, die Selbstfinanzierung allmählich wieder zu den Richtsätzen der Vorkriegszeit zurückzubilden. Völlig klar sein sollte man sich darüber, daß die Reform des Kapitalmarktes ihren Zweck nur unvollständig erreicht, wenn sie nicht zu einer Vergrößerung der Kapitalbildung überhaupt und zu einer Erweiterung der Schicht der Kapitaleigentümer führt. Das heißt also, das Sparen muß gefördert werden – in allen Formen und ohne daß diese oder jene Sparart benachteiligt wird. Damit ist schon gesagt, daß auch das innerbetriebliche Sparen ein volkswirtschaftlich wertvoller Sparakt ist: daß also die Nichtentnahme von Gewinn in gleicher Weise steuerliche Förderung verdient wie das "marktbezogene" Sparen.