Von V. von Zühlsdorff

Weit, öde und verlassen streckt sich das Land hin an der ungarischen Grenze, am endlos flachen Neusiedler See im Burgenland bei Andau, Pamhagen und Nickelsdorf. Hier fluteten vor einem Jahr nach dem Gemetzel der Sowjets Zehntausende nach Österreich hinüber.

Jetzt ist die Grenze wie ausgestorben. Der Eiserne Vorhang hat sich erbarmungslos gesenkt. Ein endloser Drahtverhau, wie im Kriege. Minen, jeden Meter eine. Und dahinter ein breiter, sauber geharkter dunkler Aschenstreifen: "Man sieht jede Spur darauf", erklärte der österreichische Grenzpolizist, "und außerdem haben sie dadurch ein besseres Ziel." Sie, das sind die AVO-Leute drüben auf den hölzernen Wachttürmen, die ganz Ungarn einschließen wie ein einziges großes Konzentrationslager. Tag und Nacht liegen die AVO-Leute auf der Lauer, mit Maschinengewehren, Ferngläsern und Scheinwerfern. Einer tritt mit dem Glas heraus, als wir uns dem Stacheldraht nähern, aber er verschwindet sofort wieder, als ein Photoapparat sich auf ihn richtet.

Hin und wieder geht eine Mine hoch, berichte: der gleiche Grenzer, durch eine verlaufene Kuh, ein Reh, manchmal schon durch einen Hasen ausausgelöst. Flüchtlinge kommen kaum durch. Ein ungarischer Grenzpolizist vielleicht einmal, der die Lage kennt, oder neulich ein Techniker, Offiziersanwärter, der mit einem Messer die Minen feststellte und dann entschärfte. Der Novemberwind treibt die Schatten tiefhängendei Wolken über das Land. An den Ästen festgebunden, zerfetzt vom Winde, flattert eine österreichische Fahne. Noch ist es nicht lange her, da war sie das rettende Zeichen der Freiheit für viele. Heute winkt sie vergeblich.

Nahe der Grenzstelle bei Nickelsdorf und Hegyeshalom auf der alten Reichsstraße von Wien nach Budapest – der Achse Österreich-Ungarns – fahren heute nicht mehr als etwa zehn Wagen am Tage herüber und hinüber: "Meist Diplomaten, die ihre Anzüge billig in Budapest machen lassen", erzählt einer der Journalisten, die sich am Jahrestag des russischen Einmarsches vom 4. November 1956 in Wien trafen. Wir alle waren damals während der Revolution in Budapest gewesen. Heute herrscht dort die gleiche bedrückende Ruhe wie an der Grenze, erzwungen von sowjetischen Bajonetten und der AVO, der Geheimpolizei, die das, Volk verjagte und die unter russischer Herrschaft sogleich wieder neu erstand.

Äußerlich sind die Spuren des Kampfes so gut wie beseitigt. Die Fassaden der zerschossenen Häuser in den großen Avenuen, dem Josephsring, der Uelloei ut und der Rakoczi ut bis zum Ostbahnhof sind reihenweise mit Baugerüsten verkleidet. Lebensmittel und Textilien füllen die Schaufenster, aber zu welchen Preisen! Die Bauern liefern wieder ab, aber viel geht auf den freien, das heißt, den schwarzen Markt. Die Produktion ist gering, jeder arbeitet nur gerade soviel wie nötig ist, um zu überleben. "Wie wäre unser Land aufgeblüht, hätten wir damals den Anschluß an den Westen gefunden", lautet die resignierte Feststellung.

Bisher hat Kadars Regime von den Krediten gelebt, die die Russen und die Satellitenstaaten dem Lande aus Prestigegründen einräumen mußten – auf mindestens zwei Milliarden DM wird ihr Wert geschätzt. Das hat Ungarn über Wasser gehalten, aber das wird auf die Dauer so nicht weitergehen. Schon beginnt man die Inflation zu spüren. Ebenso groß wie die wirtschaftliche Apathie ist die politische. Kadar hat es zu Anfang mit Versprechungen versucht, die dem Programm Imre Nagys ähnlich sehen sollten – mit einer Ausnahme: Vom Abzug der Russen darf niemals gesprochen werden. Aber gerade darauf, kommt es den Ungarn an. Alles andere gilt daneben. gar nichts. Die Entschlossenheit zu dieser Forderung ist genauso groß geschrieben, wie sie damals war. Nur, daß niemand darüber spricht. Und dagegen ist selbst ein gewalttätiges Regime machtlos.