I. Kinder verlangen Autorität – Tyrannisierte Eltern

Viele Eltern klagen, sie würden von ihren Kindern tyrannisiert. Es wächst die Jugendkriminalität – nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in anderen Ländern des Westens. In Amerika wird neuerdings häufig die Ansicht vertreten, daß jene Erziehung, die mehr Wert auf "Entfaltung der Persönlichkeit" und "Selbstverwirklichung" des Kindes legt als auf Mehrung des Wissens, Gefahren in sich trägt. – Da die Ungebundenheit der Jugend in Amerika am größten ist, haben wir unsere New Yorker Mitarbeiterin Christa Armstrong gebeten, uns über Gründe für die steigende Jugendkriminalität und über die Erfolge und Mißerfolge amerikanischer Schulmethoden zu unterrichten. Es scheint, daß sich in der Pädagogik, wie sie in den USA vertreten wird, neuerdings so etwas wie eine Rückkehr zu dem Grundsatz der Autorität erkennen läßt (was beileibe nicht "blinder Gehorsam" bedeutet). Ein amerikanischer Pädagoge formulierte es so: Eltern müssen sich für eine Ordnung entscheiden und dann ihren Kindern gegenüber klar und bestimmt zu dieser Ordnung stehen.

New York, im November

Die Meldungen über neue und immer neue Untaten jugendlicher Verbrecher in amerikanischen Großstädten erschüttern in den letzten Monaten die Öffentlichkeit mehr als sonst. Die Stadt New York hat, wenn man das erste Halbjahr vergleicht, eine Zunahme der Jugendkriminalität in Höhe von 30 v. H. gegenüber dem Jahr 1956 zu verzeichnen. (Vergleichsweise in Hamburg: Zunahme der Jugendkriminalität im gleichen Zeitabschnitt 10 v. H.)

Da war der Fünfzehnjährige, der einem unbekannten gleichaltrigen Jungen ein Messer in den Rücken stieß, nur weil er schon immer mal wissen wollte, wie es sich anfühlt, eine Klinge in einen lebenden Körper zu bohren. Daß der jugendliche Mörder dabei seinem sterbenden Opfer noch "Vielen Dank" für die ihm gebotene Erfahrung zurief, erschütterte selbst abgehärtete Polizeibeamte. New Yorker Teen-ager-Banden, die "Ägyptischen Könige", die "Herren der Geister" und wie sie alle heißen, operieren mit Pistolen, Messern und scharfgeschliffenen Gürtelschnallen und terrorisieren besonders in bestimmten Distrikten von Harlem und Brooklyn die Nachbarschaft. Selbst Mädchen schließen sich zu Banden zusammen und stehen an Roheit den Jungen ihres Alters um nichts nach.

Ist das Fernsehen schuld

Nach Ansicht hiesiger Erzieher sind die allzu selbständigen Teen-ager vielfach das Produkt moderner Erziehung – progressive education – und der psychologischen Methoden, mit denen sie arbeitet. Hingegen werden für die Kriminalität unter der Jugend andere Gründe angegeben: Milieu, zerrüttete Familienverhältnisse, Mangel jeglicher moralischer Grundsätze im betreffenden Elternhaus, geistige Unzulänglichkeit oder Anomalie, Spannungen eines industrialisierten Zeitalters, Folgen vergangener und Furcht vor neuen Kriegen. Scharfe Kritik wendet sich gegen das Kinder-Arbeitsgesetz, das verbietet, Jugendliche unter 16 Jahren zu bezahlter Arbeit heranzuziehen. Junge Burschen, die früher als Zeitungsverkäufer, Laufjungen, Telegrammboten reichlich beschäftigt gewesen seien, hätten jetzt zu viel freie Zeit für ihren Tatendrang. "Die Kriminalität unter der Jugend sei nur eine Folge des Fernsehens", heißt es auf der einen Seite – "Unsinn! Wir haben es von jeher mit jugendlichen Verbrechern zu tun gehabt und erst seit kurzem mit dem Fernsehen!" tönt es von der anderen.