Seit der Verwandlung der Essener Villa Hügel in einen Kunsttempel erfreuen sich die dortigen Ausstellungen heftiger Kontroversen. Zuerst war das wilhelminische Bauwerk selbst der Stein des Anstoßes. Mittlerweile hat man sich daran gewöhnt. Aber mehr noch machten die gewagten Inszenierungen des Architekten Dr. Paul Mahlberg und seine Interpretationen alter Kunst durch moderne Technik im Positiven und Negativen von sich reden.

Selbst die neueste Schau „Vincent van Gogh – Leben und Schaffen“ (bis 15. Dezember), die doch vom Thema her eine bombensichere Sache sein müßte, beschäftigt vor allem die Museumsleute. Mahlberg hat sich doch diesmal strenge Zurückhaltung auferlegt, sachlich und übersichtlich ausgestellt. Er stößt daher nur noch gelegentlich bei der Farbwahl der Wände auf Opposition. Gegenstand der Diskussionen ist die Konzeption der Schau, und zwar die Konfrontierung von Reproduktionen und Archivalien mit den Originalen. Die Originale sind so sehr in der Minderzahl, daß vor allem Mißtrauische befürchten, man würde nun auch die fünfzig Ölgemälde und fünfzig Handzeichnungen für besonders raffinierte Reproduktionen halten ...

Dieses Mißtrauen geht zu weit, denn man darf doch voraussetzen, daß ein gewisses Unterscheidungsvermögen, falls es nicht schon vorhanden war, durch die Gegenüberstellung geweckt wird. Es fragt sich nur, ob man die Methoden, die in einem kunstgeschichtlichen Seminar üblich sind, auf eine Ausstellung übertragen kann, die sich ausdrücklich als erzieherische Veranstaltung an die „breite Masse“ wendet. Der holländische Kunsthistoriker Dr. Tralbaut, der das umfangreiche dokumentarische Material mit unendlicher Sorgfalt und selbstloser Hingabe an seine Lebensaufgabe – die Erforschung und Verherrlichung van Goghs – sammelte und jetzt zum erstenmal öffentlich ausbreitet, hat selbst gesagt, daß man dem Maler nicht nur von der emotionalen Seite begegnen dürfe. Van Gogh sei mehr als jeder andere Virtuose der Palette und des Zeichenstiftes eo ipso zum Protagonisten für pädagogische Ausstellungen bestimmt.

Allerdings spielen die Gefühle auch in der Essener Schau eine nicht unbedeutende Rolle. Wenn dort beispielsweise der strohgeflochtene Stuhl, der durch van Goghs Gemälde Weltruhm erlangt hat, als kostbare Reliquie aus Arles geliehen und zum „stillen Zeugen von Vincents Liebe und Leid in Arles“ erklärt wird – dann streift das bedenklich jene Rührseligkeit, aus der die Romane und Filme über van Gogh ihr Kapital schlagen.

Der Aufbau der Schau folgt im wesentlichen der Chronologie, nachdem zuerst eine Photomontage von Detailvergrößerungen aus Selbstbildnissen das Motto angegeben hat: „Diese Augen sahen die Welt neu!“; nachdem dann frühe Bewunderer – der holländische Professor Bremmer und Frau Kröller-Müller sowie Karl-Ernst Osthaus in Deutschland – vorgestellt wurden. Ich vermißte neben ihnen nur den Père Tanguy, jenen Pariser Farben- und Bilderhändler, der den jungen Vincent ins Herz geschlossen hatte und ihm nach besten Kräften half. Van Gogh hat ihn nicht ohne Grund dreimal porträtiert.

Sonst hat man aber alles getan, um dieses denkwürdige Leben mit seinen Demütigungen und Herrlichkeiten zu rekonstruieren. Vergleichsreihen stilkritischer Art erhellen Van Goghs Entwicklung. Neue Funde wie die Amateuraquarelle seiner Mutter und eine Kinderzeichnung des elfjährigen Vincent erschließen neue Quellen. Graphische Darstellungen verfolgen seine Wege von Zundert in die Welt hinaus, und Statistiken legen von seiner posthumen Erfolgskurve Rechenschaft ab. Aber die sachliche Konstatierung des Weltruhms ist nicht einmal das Eindrucksvollste.

Auch die Stammbäume, Standesamtsauszüge, Ansichten der Wegstationen oder die photographischen Reproduktionen der Wirklichkeit, die van Gogh beim Malen gesehen hat, sind nicht die erregendsten Zeugen. Am stärksten berühren die scheinbar nebensächlichen Dinge, die einen Reflex von jenem brennenden Leben in unsere Zeit werfen – einem Leben, das sich in der ungestümen Leidenschaft des Sich-Mitteilen-Müssens als Laienapostel und schließlich als Maler verzehrte. Ich denke vor allem an die Werbeprospekte der Irrenanstalt oder an die Zeitungsnotiz im „Echo Pontoisien“: „Sonntag, den 27. Juli, hat sich ein gewisser van Gogh, 37 Jahre alt, holländischer Staatsangehöriger, Maler, vorübergehend in Auvers, auf den Feldern eine Kugel in den Leib gejagt. Da er nur verwundet war, ist er in sein Zimmer zurückgekehrt, wo er zwei Tage danach starb.“ Eduard Trier