Von Willy Wenzke

Die Ende vergangener Woche vom Verband der deutschen Hochseefischereien dem Bundeswirtschaftsminister vorgetragene Bitte, diesen Zweig der westdeutschen Ernährungswirtschaft von der am 1. Oktober erfolgten Ruhrkohlen-Preiserhöhung zu befreien, hat ein nicht geringes Aufsehen erregt. Der Öffentlichkeit wurde durch die Begründung dieser Bitte ins Gedächtnis gerufen, daß es hierzulande trotz der Zeit der Superlative von Produktions-, Absatz- und Exporterfolgen immer noch Wirtschaftszweige gibt, die im Schatten der Konjunktur stehen. Und selbst wenn es unpopulär wäre, müßte jetzt zu Beginn der neuen Regierungsarbeit von Bonn festgehalten werden, daß die Fischwirtschaft nicht die einzige mittelständische Branche in der Bundesrepublik ist, die bisher ohne Aufschwung blieb.

Der Bittgang des Hochseefischerei-Verbandes nach Bonn aus Anlaß der jüngsten Preissteigerung für Kohle hat einen sehr realen Hintergrund: Von den 208 Fahrzeugen der bundesdeutschen Hochseefischereiflotte werden trotz der seit Jahren emsig betriebenen Modernisierung noch über 75 v. H. mit Kohle befeuert. Das war schon immer eine kostspielige Sache; jetzt, nach dem neuerlichen Preisanstieg, müssen die Fischdampferreedereien im Jahr rund zwei Mill. DM allein für die Kohle mehr aufwenden. Kommt es am 1. April zu einer weiteren Preiserhöhung für Ruhrkohle, klettern die zusätzlichen Kosten gleich auf vier Mill. DM. Einzusparen gibt er hier nichts, denn die Dampfer brauchen, um uns den Segen der Meere auf den Tisch zu legen, im Jahr rund 15 000 t.

Diese Belastung – und das wurde dem Bundeswirtschaftsminister vorgerechnet – können die Reedereien nicht mehr verkraften. Sie mußten in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bereits einen um zwölf Mill. DM geringeren Erlös als in der Vergleichszeit des Vorjahres in Kauf nehmen, außerdem aber wurden sie von Kostensteigerungen in Höhe von elf Mill. DM in der gleichen Zeit überrascht. Ohne eigenes Verschulden ist also die Hochseefischerei in die "roten Zahlen" gekommen und stellt heute eine ausgesprochen unrentable Angelegenheit dar. Die gesunkenen Erlöse, die in erster Linie für die akute Krise der Fischdampferreedereien verantwortlich gemacht werden müssen, sind eine Folge der ungewöhnlich geringen Fänge. Die Dampfer kommen buchstäblich mit halbgefüllten Fischräumen in ihre Heimathäfen zurück, was einerseits auf das stürmische Wetter in den Fanggebieten, andererseits jedoch auch auf bislang unerforschte biologische Gründe zurückgeführt werden muß.

Die finanziellen Schwierigkeiten der Hochseefischerei wirken sich aber schon längst bis zum Verbraucher aus, also bis in die Kochtöpfe und Bratpfannen unserer Hausfrauen. Abgesehen davon, daß in der Zeit der Heringssaison – in der die Fischdampfer überwiegend im Heringsfang zur Versorgung der Fischindustrie tätig sind – die Frischfischpreise grundsätzlich anziehen, haben diese nun aber auf Grund der geringen Anlandungen unter der traditionellen Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage Höhen erreicht, die Fisch im Vergleich zum Fleisch uninteressant machen. Hier besteht daher die Gefahr, daß die Hausfrauen Fischgerichte allein vom Preis her ablehnen und daß der Fischkonsum in der Bundesrepublik und in Westberlin absinkt. Seit dem vergangenen Jahr ist er sowieso schon auf der absteigenden Linie: das Statistische Bundesamt hat errechnet, daß im ersten Halbjahr 1956 in der Bundesrepublik je Kopf der Bevölkerung 2,79 kg Fische und Fischwaren verzehrt wurden, nachdem in der Vergleichszeit von 1955 ein "Rekordkonsum" von 2,80 kg festgestellt worden war. Gestiegen sind durch die Preiserhöhungen. nur die Aufwendungen: wurden in der Berichtszeit von 1955 für 2,80 kg 5,44 DM ausgegeben, so waren es im 1. Halbjahr 1956 schon 5,99 DM für – weniger Ware.

Offensichtlich sind also die (manchmal etwas weltfremd, wenig sinnvoll anmutenden und sicher kostspieligen) Propagandaaktionen der Deutschen Fischwerbung zumindest bisher erfolglos geblieben. Wir können es uns beispielsweise auch nicht recht vorstellen, daß sich die bundesdeutschen Hausfrauen zu Fischgerichten überreden lassen, die ihnen in einem (zweifellos ansprechend aufgemachten) Rezeptbüchlein von Romy Schneider oder Laya Raki serviert werden! So etwas wirkt von Anfang an unglaubhaft. Weit erfolgreicher wäre es sicher, wenn die Werbung für einen stärkeren Fischverzehr sich auf die oberen Mädchenschulklassen, die Berufsschulen, die Haushaltungsschulen und (für lernbegierige Hausfrauen) auf Fischlehrküchen konzentrieren würde, damit junge Hausfrauen – und solche, die es werden wollen – das Zubereiten schmack- und nahrhafter Fischgerichte gründlich lernen. Zu begrüßen ist es, daß der Fischfachhandel von sich aus viel Initiative entwickelt, um den Verbrauchern beste ("fangfrische", so heißt das Fachwort) Wäre in modernen Läden zu bieten. Hier hat sich übrigens der "Förderungsdienst für den Fischabsatz" erfolgreich eingeschaltet, der den Einzelhändlern mit technischer Beratung und tatkräftiger Hilfe bei der Finanzierung und Kreditbeschaffung für Um- und Neubauten zur Verfügung steht, weil ja auch Umbauten erhebliche Summen verschlingen – von Neubauten gar nicht zu sprechen.

Was aber nützen alle diese guten Ansätze, wenn das Kernproblem unserer Fischwirtschaft, der beschleunigte Umschlag an den Seefischmirkten und die damit verbundene Qualitätsfrage, nicht umgehend gelöst wird? Außerdem müssen die Reederein in die Lage versetzt werden, die Fischmärkte ausschließlich mit qualitativ einwandfreier Ware zu beliefern. Unter dem Druck ihrer finanziellen Schwierigkeiten sind sie heute gezwungen, auch Fänge minderer Qualität anzulanden, um wenigstens die bescheidenen Erlöse aus der Fischmehlfabrik einzunehmen. Auf die Dauer führt dieser Weg genau zum Ruin der Fischwirtschaft, weil nahezu alle Fischdampferreedereien unter einem chronischen Mangel an Eigenkapital leiden: der zügige Wiederaufbau der Flotte hat die letzten Mittel aufgezehrt, und den Reedern war es nicht möglich, ihre Investitionen durch Eigenfinanzierung über den Preis der Anlandungen vorzunehmen.